Das Jubiläum der Deutschen Bundesbahn „125 Jahre deutsche Eisenbahnen“ war in Nürnberg zugleich ein internationales Höflichkeitstreffen und ein Volksfest mit einer Überraschung. Gegenstand des ehrenden Gedenkens war der „Adler“, jene biedermeierliche Lokomotive, die am 7. Dezember 1835 das erste deutsche Eisenbahnzügle im 20 Kilometer Stundentempo von Nürnberg nach Fürth zog. Sie war damals in 19 Kisten aus England gekommen, per Schiff und Pferdefuhrwerk, begleitet vom Maschinenmeister William Wilson, der bei ihren Fahrten in Zylinder, Bratenrock und weißen Handschuhen auf dem Führerstand fungierte. Er ruht von seinen Taten auf dem Nürnberger Johannesfriedhof aus, wo sein Grab und die der ersten Vorkämpfer des deutschen Unternehmens, des Bürgermeisters Scharrer und des Handelsvorstehers Platner, durch Bundesbahnpräsident Dr. Oeftering mit Kränzen geschmückt wurde. Eine Urenkelin des würdigen Herrn Georg Zacharias Platner fand sich zu der Jubiläumsfahrt des „Adler“-Zuges in Nürnberg ein.

Der originale „Adler“ ist übrigens von seinen Zeitgenossen nach langjährigen treuen Diensten pietätlos verschrottet worden. Er wurde gleich zweimal genau nachgebildet. Dekorativ stand er zwischen Blumen in der Empfangshalle des Hauptbahnhofs, am Ende eines breiten roten Läufers, der vermutlich für den Bundespräsidenten Lübke entrollt worden war, doch vergeblich seiner Zweckerfüllung harrte, dieweil unser Staatsoberhaupt gänzlich stillos durch die Luft am Festort eintraf und das noch zu spät, um an der Jubiläumsfahrt teilzunehmen. Mit der zweiten Nachbildung des alten „Adler“ fand die Reise Nürnberg–Fürth nach 125 Jahren noch einmal statt.

Ein Lokomotiven-Jubiläum ist entschieden befriedigender als ein Goethe-Jubiläum. Bei Goethe kann man nur jubeln, daß es ihn gegeben hat. Die Frage, was wir von ihm profitiert haben, ist dagegen geeignet, die Feststimmung erheblich zu dämpfen. Weshalb sich denn auch der verschmitzte Brauch einbürgerte, die Positionen umzudrehen. Man fragt nicht: wie nehmen wir Heutigen uns aus, gemessen an Goethe, sondern man fragt: wie nimmt sich Goethe aus, gemessen an uns Heutigen? Mit diesem Trick spielt man das Problem auf das technische Gebiet hinüber, und nun kann man sich leicht hinter dem Fortschritt verschanzen und fühlt sich gerettet.

Bei der Lokomotive ist die bei Goethe unangebrachte Fragestellung durchaus legitim und darum die Befriedigung vollständig; es gibt da nur eine Antwort: Jubel, ungetrübtesten Jubiläumsjubel. Ihn forderte die Bundesbahn heraus mit zwei Veranstaltungen: der Fahrzeugschau auf vier Geleisen des Nürnberger Hauptbahnhofs, der Sonderschau „Die moderne Bundesbahn“ im Verkehrsmuseum und dem Dokumentarfilm „125 Jahre deutsche Eisenbahnen“. Der Jubel klang aber auch durch die vielen und langen Ansprachen des hochoffiziellen Festaktes und des großen Eisenbahnertreffens in der Messehalle, wo zudem die Musikkapellen belgischer, österreichischer und italienischer Eisenbahnverwaltungen die völkerverbindende Macht des Schienenverkehrs in Tönen rühmten.

Wahrhaftig, wer auf dem Bahnsteig 11 in natura prachtvollen Exemplare neuester Eisenbahnfahrzeuge aufgebaut sah: die gigantische Ölfeuerungslokomotive (der vermutlich im Zuge der allgemeinen Elektrifizierung keine weiteren, etwa noch großartigeren Modelle mehr folgen werden), die elektrischen Lokomotiven und Diesel-Triebwagen, die luxuriösen modernsten Schlaf-, Tanz- und Gesellschaftswagen oder die letzte, eleganteste Ausgabe eines TEE-Zuges, der konnte nicht umhin, im Vergleich mit dem „Adler“ diesem liebenswürdigen, heute so harmlos erscheinenden Vorfahren jene mit nachsichtigem Wohlwollen gemischte gönnerhafte Pietät zu widmen, die eben ein technisches Jubiläum so behaglich macht.

Jedoch: auch dieser schwelgerische Jubiliumsstolz sollte nicht ohne eine gelinde Korrektur bleiben. Man hätte dem guten alten „Adler“ doch nicht gar so herablassend und sogar etwas mißtrauisch begegnen sollen. Auf dem alten Schienenweg, der heute von der Straßenbahn Nürrberg-Fürth benutzt wird, indessen immer noch der seinerzeit privilegierten „Ludwigs-Eisenbahn-Gesellschaft“ gehört, legte der „Adler“, nachdem er mit 80 Ehrengästen und zylindergeschmücktem Dienstpersonal auf mehrfaches Bimmelzeichen, Böllerschuß und sonstiges historisches Zeremoniell hin fauchend, zischend und nach allen Seiten dampfend freie Bahn gewonnen hatte, seine Strecke flott und triumphal zurück. Kurz vor dem Ziel zwar mußte er anhalten, denn Fürther Biedermeierjungfrauen standen am Weg. Da das unklugerweise gerade in einer Kurve geschah, vermochte er aus eigener Kraft nicht wieder in Fahrt zu kommen. Minister, Präsidenten und sonstige Würdenträger griffen hilfsbereit in die Speichen und machten den goldlorbeergezierten Veteranen wieder flott. Pünktlich traf er am Fürther Hauptbahnhof ein.

Das ist aber noch nicht die Pointe. Der anmutige Zwischenfall wurde einigen Ehrengästen und den Pressevertretern erst nachträglich bekannt. Die Bundesbahn hatte ihnen zwei große Autobusse zur Verfügung gestellt. Sie sollten den Zug begleiten, ihm einmal vorausbrausen, dann wieder rücksichtsvoll auf ihn warten, wie es sich eben ergeben würde. Doch blieb dem „Adler“ ein so demütigendes Katze- und Mausspiel des Fortschrittdünkels erspart. Auf den verstopften Straßen kamen die Autobusse nicht voran. Der Veteran, dem man so schnöde mißtraut hatte, machte das Rennen. Die modernen Überlandbusse verendeten auf der Strecke und mußten die Konkurrenz aufgeben, Opfer des modernen Verkehrs, erdrosselt vom Ordnungsmechanismus großstädtischer Verkehrslenkung – ein Witz der Geschichte jener gleichen Entwicklung, deren Ursprung zu feiern Tausende auf Nürnbergs regennassem Pflaster zusammengeströmt waren. A-th