Gru–/Köln

An allen Kaufhausfenstern kleben kleine Plakate: „Besuchen Sie unsere Weihnachtsmärchen – um 10 Uhr, 12.30 Uhr und 14 Uhr.“ Ich hatte es schon voriges Jahr besuchen wollen. Aber ich war fünf Minuten zu spät gekommen, Das einzige, was ich vom Kaufhaus-Märchen über die Köpfe meiner Vordermänner gesehen habe, war ein vergoldetes Flügelende vom Christkind.

Dieses Mal war ich eine Viertelstunde früher da. Für einen guten Platz reichte das freilich auch nicht. „Die stehen schon seit einer Stunde“, murrte die Verkäuferin bei den Mantelstoffen. „Wie soll man da arbeiten ...“ Wie eine Mauer standen sie zwischen den Verkaufstischen: Hausfrauen mit großen Einkaufstaschen, Omas, alte Männer, junge Mädchen und ein paar Kinder. Auf der Bühne leuchteten Lichter auf den Christbäumen. Sie leuchteten abwechselnd rot, grün, blau, gelb und lila. Von der Imbißstube nebenan wehten Rotkohl- und Bratendüfte herüber. „Oma, ich kann nichts sehen“, maulte ein Junge. Die Oma schimpfte: „Die Großen sind schlimmer als die Kleinen“. Aber die Frau vor dem Enkel rührte sich nicht.

Punkt zwei Uhr erstrahlte die Bühne im Lichterglanz. „Da kommt er..da kommt er“, riefen die Leute. „Dort ist der Weihnachtsmann.“ Ich konnte ihn nicht sehen. Eine Schneiderpuppe im Negligé versperrte mir die Sicht. Der Enkel jammerte: „Oma, wo ist er denn.“ Die Oma: „Sei still und wink.“ Der Enkel hob brav die Hand Alle Leute winkten, auch die Hausfrauen, die Omas und die alten Männer. Sie winkten dem Weihnachtsmann. Zu den flotten Weisen einer Hammondorgel tänzelte er auf der Bühne herum und warf Kußhändchen. Die junge Frau neben mir seufzte: „Wie schön.“ Der Weihnachtsmann deklamierte in einen Lautsprecher, den er unter dem Bart hängen hatte: „Genauso wie in jedem Jahr, seh’ ich die große Kinderschar...“ Ich sah nur den Enkel neben mir. Und der weinte. Er konnte noch immer nichts sehen. Aber Oma hörte ihn nicht, sie hatte nur Augen für das Tannenbaumballett. Vier Girls in Nadelkostümen, besteckt mit roten, grünen, blauen und gelben elektrischen Kerzen hopsten zur Melodie eines Evergreens.

Der Weihnachtsmann nickte und lächelte und klatschte im Takt mit den Händen.

Dann verlöschten die Lichter. Der Christbaum, die Girls und der Weihnachtsmann verschwanden. Das Märchen war zu Ende. Meine gute Laune auch.