Anfang Oktober gab es in vielen deutschen Amtsstuben eine ungewohnte Geschäftigkeit: Büroschränke und Schreibtische wurden ausgeräumt, Beamte und Angestellte mußten in neue Tätigkeitsgebiete eingewiesen werden. Karteien und Formulare wanderten in die Altpapier-Keller. In 82 Landkreisen und 12 kreisfreien Städten des Bundesgebietes schlossen die Wohnungsämter ihre Akten.

Wer in den zurückliegenden Jahren die zwar angestrengten, aber meist wenig erfolgreichen Bemühungen der Wohnungsämter beobachtet hat, die wenigen Wohnungen gerecht zu verteilen, der durfte annehmen, daß kaum jemand dem Ende dieser behördlichen Institutionen eine Träne nachweinen würde. Es zeigte sich aber schon während der Beratungen des Gesetzes über den Abbau der Wohnungszwangswirtschaft, daß die betroffenen Kreisbehörden diese Auffassung durchaus nicht teilten.

Der Verwaltungschef des Kreises Donaueschingen beispielsweise nannte die vom Statistischen Bundesamt für seinen Kreis errechnete ausgeglichene Wohnungslage schlicht einen Irrtum. Und der Oberstadtdirektor von Witten, der sein Wohnungsamt ebenfalls schließen mußte, erklärte, daß dort noch immer rund 3000 Familien in nicht familiengerechten Wohnungen leben müssen Andere Kritiker bemängelten, daß der Wohnungsbedarf der Pendler bei der Ermittlung des Wohnungsdefizits unberücksichtigt blieb. Es wurde auch behauptet, daß Zweitwohnungen und Wochenendhäuser – der Realität zuwider – dem Wohnungsangebot des jeweiligen Kreises zugeschlagen wurden.

Die Ursache, für derartige Unstimmigkeiten ist die im Gesetz festgelegte Methode, nach der das Wohnungsdefizit berechnet wird. Nach dem Lücke-Plan wird das Wohnungsdefizit festgestellt, indem man die Zahl der Normalwohnungen von der Zahl der Wohnparteien abzieht. Dabei werden die Alleinstehenden zur Hälfte, in Großstädten zu 60 vH als Wohnparteien mitgezählt. In den Kreisen, in denen die Differenz weniger als 3 vH der Zahl der Wohnparteien beträgt, soll die Wohnraumbewirtschaftung fallen.

Es liegt auf der Hand, daß diese Methode Fehlerquellen enthält. Die gröbste Verzerrung entsteht bei der Festlegung des Wohnbedarfs der Alleinstehenden. In Industrie- und Universitätsstädten dürfte es unrealistisch sein, 60 vH der großen Zahl der alleinstehenden Arbeiter und Studenten unter die Wohnungssuchenden zu rechnen; die Defizitzahlen dürften damit über Gebühr in die Höhe getrieben werden. In Landkreisen dagegen wird der Wohnungsbedarf möglicherweise größer als das errechnete Defizit sein, da vielleicht mehr als die Hälfte der Alleinstehenden eine Wohnung benötigen.

Bei der Berechnung des Wohnungsmangels im gesamten Bundesgebiet lieferte die vom Wohnungsbauministerium seit Jahr und Tag angewandte Methode zweifellos Ergebnisse von ausreichender Wirklichkeitsnähe. Die Fehlerquellen wurden innerhalb der großen Zahl aller Haushaltungen des Bundesgebietes gegeneinander aufgewogen. Im Lücke-Plan wurde jedoch die für das gesamte Bundesgebiet durchaus zulängliche Berechnungsmethode auf die einzelnen Kreise übertragen. Bei den dort gegebenen wesentlich kleineren Zahlen ist die Wahrscheinlichkeit eines inneren Ausgleichs der Fehlerquellen kaum noch vorhanden.

Diese Kritik berührt freilich nicht den Kern der Überlegungen, die für die Aufhebung der Wohnraumbewirtschaftung bestimmend waren. Der Gesetzgeber hat mit dem Abbau der Wohnungsämter bewußt nicht bis zu einem völligen Ausgleich von Angebot und Nachfrage auf dem Wohnungsmarkt warten wollen und das Vorhandensein eines geringen Defizits von 3 vH in Kauf genommen. Kalkuliert man bei der Berechnung dieses Defizits eine sicher großzügig benessene Fehlergrenze von weiteren zwei Prozent ein, so ändert auch dies nichts an der Tatsache, daß in den betroffenen Kreisen die Wohnungsnot auf ein überblickbares Maß abgesunken ist, das einer „Bewirtschaftung“ durch eine spezielle Behörde mehr bedarf.