Zehn Jahre Deutscher Sportbund – Das Amateurstatut ist veraltet – Drei Athleten warten auf ihre Richter

Von Adolf Metzner

Es gab weder Fahnen noch Festmusik bei der Zehn-Jahres-Feier des Deutschen Sportbundes in Düsseldorf, die vom Fernsehen übertragen wurde. Nur Mathias Wieman las zu Beginn Platon. Selbst die Ansprache des Präsidenten des Deutschen Sportbundes entbehrte des rhetorischen Hanges und entpuppte sich als umfassendes und sorgfältig erarbeitetes Referat über die Stellung des Sports in der heutigen Gesellschaft. 30 000 Vereine mit 4,75 Millionen Mitgliedern, davon 3,5 Millionen Aktive und 387 000 ehrenamtliche Helfer, umfaßt diese Gemeinschaft.

Der Bundesminister des Inneren beschwor zwar einen Augenblick den Namen Ortega y Gasset, der an gleicher Stelle aus ähnlichem Anlaß seine hinreißende Rede „Über des Sportes festlichen Sinn“ gebracht hatte, wandte sich aber bald seinem so ernsten Lieblingsthema der Gefahren der kommunistischen Infiltration bei Ost-West-Kontakten zu. Zum Abschluß wurde der Startschuß zum ersten bundesdeutschen Fernsehwettstreit im Wahlkampf abgegeben. Die Fraktionsvorsitzenden der CDU, SPD und FDP sprachen. Um im sportlichen Bild zu bleiben: Der Wettstreit endete mit einem Unentschieden zwischen dem so telegenen Erich Mende und Carlo Schmid, der trotz überlegener Routine und Brillanz seine Gewichtsschwierigkeiten nicht ganz ausgleichen konnte. Heinrich Krone, der Fraktionsvorsitzende der CDU/CSU, belegte als Altersturner den dritten Platz. Hervorgehoben werden muß die angesichts so zahlreicher Schiedsrichter geradezu vorbildliche Fairness. Alle drei Gegner versprachen für die Belange des Sports, insbesondere den „Goldenen Plan“ (6,3 Milliarden DM in 15 Jahren für Übungsstättenbau), bis zum äußersten (hoffentlich nicht bis zum Umfallen!) zu kämpfen.

Gesamtdeutsches Wunder

Der Deutsche Sportbund konnte mit einiger Selbstzufriedenheit auf das Erreichte in den verflossenen zehn Jahren zurückschauen. Der Präsident Willi Daume, ein junger Dortmunder Industrieller von kühlem Verstand und diplomatischem Geschick, war dort am erfolgreichsten, wo es auf Ausgleich, aber auch auf hartes Verhandeln ankam.

Im Innern gelang es, das Wiederaufflackern des unseligen Streites Turnen gegen Sport mit seinem drohenden Schisma zu verhüten, und auch der Einbau der ehemaligen Arbeiter-Sportorganisationen in den deutschen Sportbund verlief im Zeichen der fortschreitenden Verbürgerlichung reibungslos. Nach außen wurde in zähen Verhandlungen mit den geschulten Funktionären der Sowjetzone, auch mit Verzichten, die notfalls selbst gegen den Kanzler durchgesetzt wurden, das Wunder einer gemeinsamen deutschen Olympiamannschaft auch im Jahre 1960 erreicht. Das olympische Statut, das nur ein Team für jedes Land zuläßt, leistete allerdings energische Helferdienste. Fast atemberaubend erscheint Eingeweihten die Kühnheit und der Elan, mit denen Daume seine gegen wohlverschanzte Bastionen der Schule gerichtete Attacke mit breitester Unterstützung der Sportpresse vorträgt. Ebenso überfällt manche Pioniere der Sportbewegung Zweifel, wenn sie mit den großgedachten, zur Durchsetzung der täglichen Turnstunde oder der Spielnachmittage („Solange die tägliche Turnstunde das Fernziel ist, wird der Herzinfarkt das Nahziel sein“, so Carl Diem) und kostspieligen Plänen konfrontiert werden, die mit „zweitem Weg“ und „Goldenem Plan“ zugkräftige Etiketten erhielten. Hierdurch soll so etwas wie ein „Volk in Leibesübungen“ geschaffen werden, nicht zuletzt, um dem durch die fortschreitende Automation bedingten Bewegungsmangel entgegenzuwirken und damit auch präventiv-medizinisch den Herzsekundentod, einen der apokalyptischen Reiter unserer Zeit, zu bekämpfen.