Die Speisekarte neuer Art

Überflüssig, das Bedürfnis, einwandfreie Lebensmittel vorgesetzt zu bekommen, besonders zu erläutern. Zu deutlich ist noch jedermann in Erinnerung, wie sich das allzu gesunde Rot auf dem konsumgerecht gemachten Fleisch mit dem äußerst gefährlichen Nitrit erklärte. Daß Krabben, Lachs, Butter und fast alle anderen Lebensmittel chemisch gefärbt sind, erfuhren viele ebenfalls erst nachträglich. Und wie oft man in die chemisch behandelten, also gesundheitsschädlichen Schalen der Zitrusfrüchte gebissen hat, weiß niemand genau.

Praktisch bedeutet unsere auf Allgegenwärtigkeit eingestellte Verkehrswirtschaft, daß wir alles zugleich haben wollen. Erdbeeren möglichst im November und Zitronen das ganze Jahr. Und so gingen diejenigen, die die Ware bereit halten sollen, aber möglicherweise keine Käufer finden, zu fragwürdigen Konservierungsmitteln über, die den wenigsten bekannt waren. Als der Verbraucher davon hörte, bekam er das Grausen. Nicht allein der Verbraucher. Das Ergebnis ist eine neue und wünschenswerte Strenge in der Lebensmittelbestimmung.

Der Gedanke, so einleuchtend wie kaum einer, mußte jedoch erst die Gesetzesmühlen passieren, ehe er, mit Empfehlungen und Gegenempfehlungen gespickt, nun ab 23. Dezember die Wirklichkeit gestalten darf. Diese Wirklichkeit sieht dann folgendermaßen aus: Auf den Speisekarten der Gaststätten und Hotels steht neben der Speisebezeichnung auch noch eine Kennziffer. Diese Kennziffer will sagen, mit welchem Fremdstoff ein bestimmtes Nahrungsmittel behandelt ist.

Das allein ist schon problematisch, denn wer kennt sich in der Schädlichkeitsabstufung aus! Unter der Nr. 1 versteht man beispielsweise eine Behandlung mit, Sorbinsäure, unter Nr. 3 Ameisensäure. Als unaufgeklärter Gast hätte man sich dann wohl oder übel beim Ober zu erkundigen, ob dieser Zusatz gesundheitsschädlich sei. Die Antwort des Obers wird – mit einem Seitenblick auf den Umsatz – ein deutliches „Nein“ sein. Das ist nicht einmal falsch. Denn nitritgesalzenes Fleisch darf selbstverständlich auch mit besonderem Kennzeichen nicht angeboten werden.

So ist man denn einigermaßen verwirrt. Die Gastwirte scheuen die zusätzliche Arbeit. Und so hat denn die Spitzenorganisation des Gaststättengewerbes bereits empfohlen, kennzeichnungspflichtige Lebensmittel möglichst nicht zu verwenden. Diese Empfehlung ist nur allzu verständlich, zumal das Problem nicht in der anschaulichen Darstellung der Zutaten auf den Speisekarten oder Lebensmittelpackungen liegt. Das Problem liegt in der einwandfreien Behandlung der Lebens mittel. Das darf sich sogar im Preis ausdrücken: Wenn die Hausfrau einkauft, will sie gesunde Ware und keinen Nachhilfeunterricht in Kryptochemie. Denselben Wunsch hat auch ein Gast, der sich ein Schnitzel bestellt. L.H.