Von Karl Ludwig Schneider

Professor Dr. Karl Ludwig Schneider ist Ordinariis für Neuere Deutsche Literatur an der Universität Hamburg.

Während die Literatur über Thomas Mann stürmisch anwächst und unüberschaubar zu werden droht, ist die Publikation der Briefzeugnisse des Dichters bisher nur zögernd vorangekommen. Bei diesem Mißverhältnis von Deutung und Dokumentation ist es als Glück zu bezeichnen, daß 256 Briefe Thomas Manns an den im Jahre 1957 verstorbenen Kölner Literarhistoriker Ernst Bertram in den Besitz des Schiller-Nationalmuseums in Marbach gelangten und sogleich für eine Veröffentlichung zur Verfügung gestellt wurden.

Thomas Mann an Ernst Bertram – Briefe aus den Jahren 1910–1955, in Verbindung mit dem Schiller-Nationalmuseum herausgegeben, kommentiert und mit einem Nachwort versehen von Inge Jens; Verlag Günther Neske, Pfullingen; 320 S., 19,80 DM.

Ernst Bertram ist unter den gelehrten Freunden, mit denen Thomas Mann Briefgespräche geführt hat, wohl der älteste. Seit dem Erscheinen von „Königliche Hoheit“ (1909) hat er das Werk des Dichters mit so intensiver Teilnahme verfolgt, daß er bald sein ständiger literarischer Ratgeber geworden ist. Besonders in den Jahren des Eisten Weltkriegs war der geistige Austausch so lege, daß Thomas Mann später Bertram als den Vertrauten seiner in den „Betrachtungen eines Unpolitischen“ niedergelegten „Grübeleien“ bezeichnet hat, und, umgekehrt, das Nietzsche-Buch des Literarhistorikers durch die Briefformulierung „unser Nietzsche-Buch“ gleichsam zu einem Dokument freundschaftlicher geistiger Anregung und Teilnahme erhob.

Auch in den folgenden Jahren hat Themas Mann Bertram so eingehend über seine literarischen Pläne und Sorgen informiert, daß dieser Briefwechsel streckenweise ein wertvoller Kommentar zum Schaffen des Dichters wird und sehr interessante Einblicke in seine Arbeitstechnik und Arbeitsdisziplin eröffnet. Gründlich werden wir zum Beispiel durch diese Briefe in die Entstehungsgeschichte des „Zauberbergs“ eingeführt; auch erfährt man beiläufig, daß die Idylle „Herr und Hund“ dem Autor „botanische Sorgen“ bereitete: „Das Landschafts-Kapitel im Bauschan-Idyll macht mir botanische Sorgen. Ich brauche Namen! Gerade, daß ich die Esche, die Birke bei Namen zu nennen weiß. Aber das ist von sehr ärmlicher dekorativer Wirkung. Ich habe mich an einen Nachbarn, Gruber, Dr. der Naturwissenschaften, gewandt und werde nächstens mit ihm und einem Notizbuch spazieren gehen.“

Während Bertrams Kontakt zu Stefan George und dessen Kreis die Beziehung zu Thomas Mann wohl gelegentlich störte, aber nie ernstlich gefährdete, führte die Heraufkunft des „Dritten Reiches“ zu einer für beide Seiten schmerzlichen Entfremdung. Schon 1927 klagte Thomas Mann, der nach den „Betrachtungen“ seine republikanische Wendung vollzogen hatte, über Bertrams Chauvinismus, dieser hingegen berichtete einem Freund betrübt über Thomas Manns zu geringes Nationalgefühl.