Josef Müller-Marein

Mit allem Respekt, der einem großen Manne gebührt, sei gesagt, daß Adenauers Wesen offenbar so angelegt ist, daß ihm die modernen „Massen-Kommunikations-Apparate“, als da sind das Fernsehen und der Rundfunk, fremd und fern erscheinen. Wenn diese Institutionen in sein Blickfeld geraten, so betrachtet er sie – anders kann es gar nicht sein – als Organisationen, die richtig „verwaltet“ werden müssen. Damit Punktum. Und schon kommt vom Bildschirm oder aus dem Lautsprecher ein Programm, das Millionen Menschen in der demokratischen Haltung stärkt, sie geneigt macht, einer vernünftigen Politik zu folgen oder diese wenigstens zu dulden, ihre wie auch immer gearteten Gefühle nicht verletzt und ihnen obendrein als Mittel der Belehrung, des Kunstgenusses, der Unterhaltung oder des Zeitvertreibs ganz großartig gefällt.

Aber so einfach ist es nicht. Jedenfalls läßt sich ein solches Programm niemals „auf dem Verwaltungswege“ zustande bringen. Niemals dadurch, daß man Männer an die Spitze einer solchen Institution beruft, die nichts als stark sind – stark im Glauben und im Eifer, das Richtige zu tun. Nein, sie müssen auch etwas können, sie müssen sogar sehr viel von der Sache – eben vom Programm – verstehen. Fürwahr, findet der Bundeskanzler keine Ratgeber, die ihm diese Zusammenhänge erklären, so kann es passieren, daß der große Mann viel von seiner als Staatsmann erworbenen Popularität eben dadurch einbüßt, daß er sich auf das Gebiet der Rundfunk- und Fernsehpolitik begab, das ihm wesensmäßig fernsteht.

Am 17. Dezember wird der Verwaltungsrat des Westdeutschen Rundfunks zusammentreten, um einen Schaden zu beraten, der – gelinde gesagt – ohne gewisse Einflüsse aus dem Bundeskanzleramt nicht entstanden wäre: Der bisherige Intendant Hanns Hartmann, der dreizehn Jahre Chef im Kölner Funkhaus gewesen ist, hatte für eine neue Amtsperiode plötzlich nicht mehr die Zustimmung der CDU gefunden. Und dies, obwohl der Vorsitzende des Verwaltungsrates, der nordrheinwestfälische Innenminister Dufhues (CDU) viele Jahre hindurch in bestem Einvernehmen mit Hartmann gewesen war.

Was Wunder auch! Hartmann ist ein tüchtiger, erfahrener Mensch, und kein Eingeweihter bezweifelt, daß der Hauptanteil dessen, was der Westdeutsche Rundfunk aus Trümmern heraus aufgebaut hat, Jahre hindurch geleistet und heute an Voraussetzungen für neue Unternehmungen bereithält, auf das Konto der Verdienste eben dieses Intendanten Hartmann fällt. Er hat das Talent, Geister anzufeuern, Temperamente zu zügeln, Gegensätze auszugleichen, Begabungen zu finden und zu fördern, kurz: eine Atmosphäre zu schaffen, die einer auf möglichst allgemeine Wirkung berechneten Funk- und Fernseharbeit sehr günstig ist. Was konnte der Grund sein, auf einen so bewährten Mann gerade jetzt zu verzichten, wo die Aufgaben auf diesem Gebiet so kompliziert sind wie sie es niemals waren?

Hartmann ist zwar wie Dufhues katholisch – so katholisch sogar, daß ihm seine Ehe mit einer Frau jüdischer Abstammung heilig blieb und er sich nicht scheiden ließ, worauf er im „Dritten Reich“ einiges auszuhalten hatte. Aber er ist nicht Mitglied der CDU wie Dufhues. Er ist in keiner Partei Mitglied – eine Tatsache, die ihn zu besonderer Loyalität verpflichtete. Wozu freilich anzumerken wäre, daß Loyalität sich auch in einem Menschen finden sollte, der einer demokratischen Partei angehört, heiße sie CDU, SPD, FDP oder wie immer.

Des Rätsels Lösung wurde offenbar, als der Name des neugewählten Intendanten bekannt wurde: Er heißt Dr. Dieter Sattler, ist Ministerialdirektor und Chef der Kulturabteilung im Auswärtigen Amt, ein integerer Mensch und tüchtig auf seinem Posten, dazu katholisch, Altbayer und Angehöriger der CSU. Hätte er Hartmanns Nachfolge angetreten – notwendigerweise mehr als „Verwalter des Amtes“ denn als Intendant – so hätte vermutlich sein Nachfolger im A. A. Dr. Salat geheißen: deutscher Kulturbeauftragter bei der UNESCO, katholisch, Altbayer, CSU.