Was kann sich hinter einer Wohnungstür begeben, die seit ein paar Tagen schon nicht mehr geöffnet wurde? Krankheit, Verbrechen, Tod? Nein, ein alter Mann sitzt mit Verfolgungswahn in einem Schrank und hält sich für einen Erfinder. Und wie kommt der jammernswerte Tatbestand ans Licht? Indem andere Mieter einen Funkwagen oder die Feuerwehr alarmieren? Nein, das ganze Haus diskutiert in dem Treppenhaus und schickt den Stärksten vor, daß er die verschlossene Tür mit Brachialgewalt sprenge. So jedenfalls in Julius Tinzmanns Fernsehspiel „Hinter der Tür“.

Wie werden zwei befreundete Zöllner aus zwei feindlichen Staaten (falls es das gibt) auf die Nachricht vom Kriegsausbruch reagieren, wenn sie in einer gemeinsamen Grenzstation zusammen wohnen und schlafen (falls es das gibt)? Sie reißen die Maschinenpistolen von den Wänden, laden durch, entsichern und legen – zwischen ihren Betten stehend – aufeinander an. So jedenfalls in Franz Theodor Csokors Fernsehspiel „Grenzzwischenfall“.

Was macht ein skatsüchtiger junger Mann, der sich Jahre hindurch nicht entschließen konnte, seine Jugendfreundin zu heiraten, auf die Nachricht hin, daß das zarte Kind im dunklen Hausflur einen Zudringling mit dem Absatz ihres Schuhs niedergeschlagen hat? Ihm fällt es wie Schuppen von den Augen, und er wandelt hinfürder auf Freiersfüßen. So jedenfalls in Benno Meyer-Wehlacks Fernsehspiel „Nachbarskinder“.

Drei Fernsehspiele an einem Abend unter dem gemeinsamen Thema „Der Nachbar“, drei Auftragsarbeiten des Südwestfunks, inszeniert von Henn, Tinzmann und Lilienthal, gespielt von einer Handvoll beachtlicher Akteure. Die Sache ist bedenkenswert, weil der Fehlschlag so typisch ist; ähnlich sieht es ja mit unserer Nachwuchsdramatik aus, nur daß die Bühnen nicht spielen, was vom Fernsehen aus Stoffhunger gefressen werden muß: kein Wunder, daß Jahr für Jahr Dramenpreise mangels aufführungswürdiger Stücke nicht verliehen werden. Immer wieder dieselben Verwechslungen der Extremsituation mit der konstruierten Situation, immer wieder das Schablonenhafte statt des Typischen.

Sollte man auftragsgemäß über das Thema „Nachbar“ schreiben, würde man doch wohl das ausscheiden, was einem zuerst einfällt: muffige Mietskaserne mit herzlosen Mietsparteien, verhärmte Nachbarskinder vom Gartenhaus links, weltkluger Briefträger und lebenstüchtiger Eckkneipenwirt. Aber das genau ist es, was man im Fernsehen präsentiert, mit all den Klischee-Typen und all der Miefzutat, die schnelle Stückeschreiber für wirklichkeitsnah halten. Spätestens seit Döblin und Fallada aber geht das nicht mehr.

lupus

Sonntag, 18. Dezember. 20.25 Uhr: Die Legenden um die Wäscherin Napoleons sind der Inhalt des Fernsehspiels „Madame Sans-Gene“ von Victorien. Sardou. – 21.50 Uhr: Der Spanier Caspar Cassado, als Cellist einer der großen Interpreten unserer Zeit, spielt Werke von Bach, Dallapiccola und Dvorak.