Von Wolf gang Koeppen

1932 veröffentlichte ein bis dahin völlig unbekannter Armenarzt, ein armer Doktor, Louis Ferdinand Céline, in Paris einen Roman „Reise ans Ende der Nacht“, der ihn sofort in der literarischen Welt berühmt machte. Das Werk war ein einziger Schrei, ein Ruf des Hungers, ein Dokument der Qual und der Erniedrigung des Menschen, ein Bekenntnis des Ekels, des Außenseitertums, des Gesellschaftshasses, ein Testament der Angst, ein Manifest der Anarchie und in mancher Hinsicht eine Vorwegnahme, ja, ein Destillat der nachher geschriebenen Romane von Sartre. Henry Miller begrüßte begeistert einen Bruder. Der tapfere Rowohlt ließ die „Reise ans Ende der Nacht“ übersetzen, und so konnte man im Dritten Reich, als deutschen Autoren eine ähnliche Sprache bei Lebensgefahr verboten war, das mutige Credo lesen, daß der einzige gerechte Krieg der Krieg gegen die Feldgendarmen sei. Céline war ein wortgewaltiger Streiter für die Freiheit des einzelnen, er war ein radikaler Verfechter der Menschenrechte.

Was er später tat, was er schrieb, was er brüllte, war Verrat. Verrat an der Freiheit, Verrat an den Menschenrechten, Verrat an sich und an seinem Wort. Der Verrat war noch unbegreiflicher und die Bewunderer schmerzender als Gottfried Benns voreiliges und schnell bereutes Bekenntnis zum Nationalsozialismus. Céline verstrickte sich, er wühlte in Schmutz, er verirrte sich in Wahnsinn. Der Wahnsinn fraß den Dichter auf und spuckte ihn als Monstrum aus. Ein noch immer wortgewaltiges Monstrum!

1938 ließ Céline seine Schrift „Bagatelles sur un Massacre“ drucken. Sie hätte im „Stürmer“ stehen können, ein Pamphlet verrücktesten Judenhasses, in dem die gesamte französische Kultur als jüdischen Geistes verdammt wurde. Céline meinte die Kultur, ihre offiziösen Institutionen. Er haßte sie. Er zielte auf die Gesellschaft, auf das Frankreich der Dritten Republik, das ihn in den Ersten Weltkrieg getrieben, das ihn hungern lassen, ihm den Aufstieg schwergemacht hatte; er schmähte das Parlament, die Börse, die Presse, das Verlagswesen, die Akademien. Es war mutig, daß er es im Augenblick des Erfolges tat; es war feige, daß er die Juden nach bewährtem Vorbild zum Sündenbock machte.

Sah Céline in Hitler, der in Paris einmarschierte, den Rächer? Begeisterte ihn der Engel der Apokalypse in deutschen Militärstiefeln auf den Champs Elysées? Hatte er politischen Ehrgeiz, wollte er im unglücklichen Vaterland Minister werden? Man weiß es nicht. Er übersiedelte nach Vichy war eine unbedeutende, skurrile Figur am Hofe Pétains und schließlich ein Mitläufer auf der Flucht. Nicht die Befreiungsarmeen, der Wahnsinn jagte Céline. Er sah überall nur noch Juden. Selbst in der Regierung des Marschalls kreisten ihn jüdische Gesichter ein. Céline kämpft heute noch mit dem Gespenst, das er sich erschaffen hat, und zittert vor ihm.

Er versucht, die Angst zu überwinden, er versucht, sich zu rechtfertigen, er versucht es in dem Buch

Louis Ferdinand Céline: „Von einem Schloß zum anderen“; Rowohlt Verlag, Reinbek; 340 S., 18,50 DM.