In einer vertraulichen Korrespondenz, die der Bundesregierung nahesteht, wurde kürzlich „ein erster Überblick über die Untersuchungen des Bundeswirtschaftsministeriums in Sachen Sonntagsarbeit“ gegeben. Als Ergebnis, so heißt es da, sei festzustellen,

„daß neben der Eisen- und Stahlindustrie auch in anderen Wirtschaftszweigen teilweise in erheblichem Umfange Sonntagsarbeit geleistet wird. So ist die Nahrungs- und Genußmittelindustrie mit einer Reihe von Sparten ... in beachtlichem Umfang an der Sonntagsarbeit beteiligt. Neben dem Braunkohlen-, Erz- und Salzbergbau fallen noch folgende Industriezweige ins Gewicht: Keramik, Chemie, Chemiefaserherstellung, Papierverarbeitung. Der Schwerpunkt der Sonntagsarbeit liegt allerdings nicht in der Industrie, sondern beim Dienstleistungsgewerbe und in den Sozialberufen. Das Ministerium wird seine Untersuchungen in Kürze abschließen.“

So weit, so gut. Nur gibt es da gleich, für den kritischen Leser, eine Reihe von Fragen. Nämlich erstens: müssen zur Klärung eines so wichtigen Tatbestandes, der zudem schon seit Jahren in Bonn verhandelt wird, tatsächlich neue „Erhebungen“ in Gang gesetzt werden? Gibt es denn wirklich nicht irgendwo eine Schublade – vielleicht in einem anderen Ministerium –, wo das Material längst fertig zur Hand liegt?

Frage Nummer zwei: der Hinweis auf „das Dienstleistungsgewerbe“ und „die Sozialberufe“ zeigt, daß die Fragestellung nicht von vornherein auf den gewerblich-industriellen Bereich beschränkt war, sondern alle Arten wirtschaftlicher Tätigkeit einbeziehen sollte – wie das ja auch zweifellos „richtig“ und sinnvoll ist. Wie aber ist es, bei dieser Art Fragestellung, möglich, daß die Sonntagsarbeit in der Landwirtschaft überhaupt nicht erwähnt wird? Ist man denn im Wirtschaftsministerium so ressortbefangen und so wirklichkeitsfremd, daß beispielsweise der Siebentage-Betrieb im Kuhstall – mit Füttern, Tränken, Melken, Ausmisten und Einstreuen – gar nicht mehr „gesehen“ und wahrgenommen wird?

Und schließlich drittens: Wie steht es eigentlich mit der Sonntagsarbeit bei unseren EWG-Partnern? Da „gleiche Startbedingungen“ für die Unternehmen innerhalb der EWG geschaffen und die sozialpolitischen Verhältnisse im EWG-Bereich nach Möglichkeit „koordiniert“ werden sollen, wäre es ja doch recht wichtig, einen Überblick über die dort zugelassene Sonntagsarbeit zu gewinnen...

Wer sich je mit Fragen der industriellen Sonntagsarbeit beschäftigt hat, wird ohne weiteres in der Lage sein, die eingangs zitierte Liste der einschlägigen Industriezweige zu ergänzen und zu berichtigen auch ohne jene „Bekanntmachung betr. Ausnahmen von dem Verbot der Sonntagsarbeit im Gewerbebetriebe“ zu Rate zu ziehen, die vom 5. Februar 1895 datiert und noch immer geltendes Recht darstellt (genauso, wie übrigens die Gewerbeordnung von 1869, mit dem grundsätzlichen Verbot der Sonntagsarbeit.) Diese „Bekanntmachung“ zählt mehr als achtzig verschiedene Industriezweige auf. Vom „Braunkohlen-, Erz- und Salzbergbau“ ist da, im Gegensatz zu dem eingangs zitierten Bericht aus dem Wirtschaftsministerium, nicht groß die Rede, und auch nicht von der „Papierverarbeitung.“ Statt dessen wird zutreffendermaßen die Herstellung von Papier und Pappe erwähnt, dazu die Gewinnung von Koks, Zement, Glas, Emaille und einer Reihe anderer bedeutsamer Produkte.

In dem Bericht über den Streit um die Sonntagsarbeit in der Eisen- und Stahlindustrie, der kürzlich in der ZEIT (unter dem Titel „Wem gehört Vati am Sonntag?“) veröffentlicht wurde, ist bereits gesagt worden, daß sehr viel Wesens um die vom durchlaufenden Betrieb in den Eisen- und Stahlwerken betroffenen 12 500 Arbeiter gemacht wird, daß aber kaum je von der Millionenzahl jener Arbeiter, Angestellten, Beamten und selbständig Tätigen gesprochen wird, die eine volle Sonntagsruhe überhaupt nicht oder doch nur sporadisch haben: in der Verkehrswirtschaft, in den Versorgungsbetrieben, im Gaststtätengewerbe, in der Landwirtschaft. Es bleibt der mißliche Eindruck, als werde die Frage der Sonntagsarbeit in den Eisenhütten und Stahlwerken künstlich „hochgespielt“ – um eines Prinzips willen“

Aber dabei wird dieses Prinzip niemals genau formuliert, wird niemals präzise unterschieden zwischen „notwendiger Arbeit“ hier, die künftig auch an Sonn- und Feiertagen zulässig sein soll, und „unwichtiger Arbeit“ da, welche unter die Verbotsverschärfung zu fallen hätte. Schwer begreiflich, warum am Sonntag allerlei überflüssige Dinge – die keineswegs „des Leibes Nahrung und Notdurft dienen“ – transportiert, angeboten, feilgehalten, verkauft und verbraucht werden dürfen, aber nicht hergestellt werden sollen ... und zwar auch dann nicht, wenn die Produktionsunterbrechung in den auf durchlaufenden Betrieb eingerichteten Anlagen einen unverhältnismäßig hohen Aufwand an Kosten (für den Unternehmer) und an Mühen (für die Belegschaften) bedingen würde... von dem Produktionsausfall, dem „Verzicht auf das an sich mögliche Optimum des Wachstums beim Sozialprodukt“ ganz zu schweigen! E. T.