Beim Lokalredakteur der örtlichen Heimatzeitung erscheint regelmäßig der Museumsverwalter, um sein Einkommen durch den Verkauf von Anekdoten aufzubessern. Scheffel-Anekdoten. Denn im "alten Scheffel-Städtchen" Radolfzell, am Westende des Bodensees, sind sie nicht ohne Bedeutung. Hier hat der geistige Vater des "Trompeters von Säckingen", Josef Viktor von Scheffel, die letzten Jahrzehnte seines Lebens verbracht. Sein Landhaus ist heute das "Scheffel-Museum".

Davon kann aber ein Städtchen von 12 000 Einwohnern nicht leben. So hatte auch Bürgermeister Albrecht überlegt, wie das Stadtsäckel aufzufüllen sei. Sein Plan: Radolfzell zu einem Kurort zu machen. Eine glückliche Voraussetzung zu diesem Ziel war, daß diese Stadt bisher von den zweifelhaften Segnungen des Massentourismus nicht übermäßig profitiert, hat. Man verzichtete klugerweise darauf, mit den üblichen Heilanzeigen und Kurmitteln zu werben und sich somit in eine aussichtslose Konkurrenz mit renommierten Orten zu begeben. Das Bäderverzeichnis für Baden-Württemberg nennt schließlich nicht weniger als 59 Orte, die in vier Gruppen zusammengefaßt sind: Heilbäder, Moorbäder, heilklimatische Kurorte und Kneipp-Kurorte. Im neuesten Verzeichnis steht nun auch Radolfzell als sechzigster Name, zugleich aber als erster und einziger Vertreter einer fünften Gruppe: Radolfzell ist "Kurort für Heilsportkuren."

Dieser recht junge Begriff ist nicht zu trennen von einem anderen, nicht weniger neuartigen: ’Angewandte Rehabilitationsmedizin. Dieser Zweig der ärztlichen Wissenschaft gewann, im Krieg größere Bedeutung. Die Rehabilitationsmedizin beschäftigt sich vorwiegend mit Heilung und Kompensierung von Kriegs- und Unfallverletzungen.

Dr. Gerold Mauch, leitender Arzt des Radolfzeller Heilsportzentrums, betont: "Nicht nur Bettruhe und medikamentöse Behandlung sind dabei wichtig. Licht, Luft, Wasser, Sonne und die aktive Beschäftigung der Patienten in diesen Elementen müssen hinzutreten."

Viele überarbeitete und erschöpfte Bundesbürger suchen heute Heilung in Radolfzell. Die Kurgäste sind in freundlichen Neubauten rings um das ehemalige Scheffelsche Landhaus untergebracht. Eine gedeckte Liegehalle ist jüngst hinzugekommen. Angesichts der guten Sache waren die Landschaftsschutzbehörden mit den Baugenehmigungen nicht zaghaft. Trotzdem steht für den Aufenthalt in freier Luft noch viel unbebautes Ufergelände zur Verfügung. Hier wird der Heilsport betrieben, der Radolfzell zu Kurortehren verholfen hat.

Diese "Leibesübungen" in Luft und Wasser haben nun gewiß nicht den Charakter olympischen Leistungssportes. Immerhin wird ihre Bedeutung auf der Mettnau so hoch eingeschätzt, daß dort neben dem Arzt ein Sportler hauptberuflich tätig ist: Willi Stadel, Kunstturner und olympischer Medaillenträger von 1936. Stadels phantasievolle, pädagogisch überaus geschickte Tätigkeit als Turnlehrer begann einst am Konstanzer Gymnasium.

Heilsport wird in Radolfzell als "Gruppentherapie" betrieben. Fünfzehn bis zwanzig Patienten finden sich jeweils zu einer Gruppe zusammen, vom ärztlichen und vom sportlichen Leiter sanft gesteuert, wobei für die Einteilung nicht das Alter, sondern einzig der Grad körperlicher Leistungsfähigkeit entscheidend ist. Die Mindestdauer einer Heilsportkur auf der Mettnau beträgt 28 Tage. Etwa die Hälfte dieser Zeit ist erforderlich, um den Körper an den Rhythmus von Spannung und Entspannung zu gewöhnen. Danach erst vermag die Heilsportkur auf mancherlei Leiden heilend und lindernd zu wirken: Schädigungen und Störungen des Herzens und des Kreislaufs, vegetative Dystonie, Schlafstörungen, Erschöpfung, Stoffwechselerkrankungen ("Diabetes mellitus", wobei sich in der Kombination mit einschlägiger Diät oft die Insulinbehandlung erübrigt), Haltungsschäden und Folgezustände von Lähmungserscheinungen. Zu den Ball-, Seil- und Laufspielen, zu Schwimmen, Rudern und Wandern treten als therapeutische Hilfsmittel auch kleine Kneipp-Anwendungen und der Heilschlaf.

Mit großer Aufmerksamkeit verfolgt man auf dem Rathaus und im Verkehrsbüro die Liste der Patienten. Als jüngst der SPD-Bundestagsabgeordnete Professor Schellenberg zur Kur auf der Mettnau war, faßte die Radolfzeller Zeitung des prominenten Gastes Meinung zu der Schlagzeile zusammen: "Berliner Sozialexperte: ‚Mettnau-Kur ist eine gute Sach‘". Heiner Koch