Die Kritik antwortet auf einen künstlerischen Gegenstand, sie sucht ihn urteilend zu durchdringen. Sachlich ist sie insofern, als sie sich bemüht, ganz in ihm aufzugehen. Trotzdem bleibt sie persönlich. Denn sie kann nur nach Maßgabe der Empfänglichkeit und Einsicht, der Urteilsfähigkeit und Ausdruckskraft verfahren, die dem jeweiligen Kritiker beschieden sind. In glücklichen Fällen gibt es dann einen Zusammenklang von Gegenstand und Urteil, in welchem das Kunstwerk, durchsichtig geworden, gleichsam noch einmal entsteht.

In jedem Fall ist der Kritiker von seinen Objekten abhängig, auch in seinem Tonfall und in seiner Methode. Auf eine kokette Provokation wird er anders reagieren als auf eine Dichtung. Einen Ball aufzufangen, den ein mutwilliger Zeitgenosse uns an den Kopf zu werfen sucht, und ihn zurückzugeben – auch das gehört zum kritischen Handwerk.

Gewissen Autoren kann man nur in ihrer eigenen Sprache antworten, sie verstehen keine andere. Das sind die Fälle, in denen Kritik zur Notwehr wird, zu einem Akt der Selbstverteidigung, den der Kritiker stellvertretend für eine schwankende, anfällige Leserschaft zu leisten hat. Daß er lieber etwas anderes täte, nämlich feiern, preisen und das Verehrungswürdige verehren – muß er das eigens versichern?