Moskauer Manifest des Weltkommunismus – Chruschtschow setzte sich durch, doch nicht ohne Konzessionen an Peking

Von W. Leonhard

Vier Zeitungsseiten füllt die Erklärung der kommunistischen Parteien, auf die sich die Führer des Weltkommunismus bei ihrem dreiwöchigen Moskauer Konzil einigten. In der folgenden Analyse legt Wolfgang Leonhard dar, was hinter den weitschweifigen Formulierungen dieser Erklärung steckt. Die Bilanz seiner Untersuchung: Der Wind aus Osten wird künftighin schärfer blasen – vor allem in die Entwicklungsländer.

Seit dem 7. Kongreß der Komintern im Sommer 1935 hatte es keine so bedeutsame und langdauernde Tagung des Weltkommunismus mehr gegeben wie das jüngste Konzil. Es übertrifft auch jene Novembertagung 1957 an Bedeutung, bei der zum erstenmal nach Stalins Tod eine Generallinie für den internationalen Kommunismus formuliert wurde. Damals dauerten die Beratungen nur wenige Tage, diesmal hingegen über drei Wochen. Damals war die Abschlußerklärung nur von den zwölf kommunistischen. Parteien der Ostblockstaaten unterzeichnet; lediglich ein anschließend angenommenes Friedensmanifest wurde im Namen von 64 kommunistischen Parteien veröffentlicht. Diesmal haben 81 kommunistische Parteien die politische Deklaration unterzeichnet.

Das neue Moskauer Manifest ist fast dreimal so lang wie die November-Deklaration von 1957, und sie zeichnet sich durch bedeutend schärfere Formulierungen aus, die eine offensivere, militantere und radikalere Politik ankündigen.

Im November 1957 kam es Moskau vor allem darauf an, die politische Einheit des Ostblocks wiederherzustellen und die Selbständigkeitsbestrebungen innerhalb der kommunistischen Weltbewegung unter Kontrolle zu bringen. Chruschtschows Reise zu Tito im Mai 1955 und der XX. Parteitag mit dem Geheimreferat über Stalin im Februar 1956 hatten in vielen kommunistischen Parteien Verwirrung hervorgerufen und jenen Drang zur Selbständigkeit ausgelöst, der dann im „Polnischen Oktober“ und in der ungarischen Revolution gipfelte. Auch in der sowjetischen Parteiführung gab es heftige Richtungskämpfe, die erst im Juni 1957 mit dem Sieg der Chruschtschow-Gruppe endeten. Unter diesen Umständen standen im November 1957 innere Probleme im Vordergrund – die Frage, wie die führende Rolle der Sowjetunion wiederhergestellt und die kommunistische Weltbewegung abermals auf einen einheitlichen Nenner gebracht werden könne.

Seitdem sind drei Jahre vergangen. Die Sowjetunion ist inzwischen wirtschaftlich und militärisch erstarkt. Ihre Autorität ist durch die Sputniks und Mondraketen gewachsen; die Selbständigkeitsbestrebungen im Ostblock und der kommunistischen Weltbewegung sind eingedämmt worden. Es ist Moskau gelungen, die Führung der kommunistischen Weltbewegung wieder fester in die Hände zu bekommen, wenn es auch in einen scharfen ideologischen Disput mit Peking verwickelt wurde, der erst jetzt durch einen Kompromiß beigelegt werden konnte. So befaßt sich die Dezember-Deklaration 1960 nur wenig mit inneren Problemen; ihre Stoßrichtung ist vor allem nach außen gerichtet. Sie stellt den kommunistischen Parteien aller Länder neue Aufgaben bei der Verwirklichung der weltrevolutionären Ziele des Kremls.