Bücher, Theateraufführungen, Konzerte zu kritisieren: das ist, obwohl es kaum „Nur“-Kritiker gibt, ein Beruf wie das Plombieren von Zähnen oder das Stimmen von Klavieren oder das Dekorieren von Schaufenstern. Natürlich lassen sich für diese Arbeit, die man „können“ muß, ohne daß sie öffentlich gelehrt wird, die hochherzigsten Tatmotive beibringen (wie wohl für jeden Beruf) – aber der Kritiker tut gut daran, einfach darauf zu beharren, daß er eine Funktion nach besten Kräften ausübt, an der die Gesellschaft gegenwärtig noch interessiert scheint. Er will nicht kränken, Selbstmordversuche provozieren, der Literaturgeschichte, die ohnehin das meiste zurechtrücken wird, vorgreifen, sondern, schlicht gesagt, seine zeitgenössische Meinung vortragen.

Aber man kann nicht ruhig darüber sprechen. Und zwar deshalb nicht, weil der Kritiker ständig – in aller Öffentlichkeit – Interessen verletzen muß. Wenn er eine negative Kritik schreibt, so läuft das auf Schädigung hinaus. Nicht immer auf materielle („Verrisse“ machen ein Buch oft erst interessant), aber doch auf moralische, künstlerische Schädigung. Jemandes Ansehen wird, zumindest, auf eine Probe gestellt. Kann das reibungslos ablaufen? Ist ein Betroffener – und, über Kritik „diskutieren“ vor allem die Betroffenen, ihre Freunde oder Verleger – denkbar, der es nicht irgendwie versucht, versuchen muß, sich zu schützen? Kann er weiterproduzieren, mit seiner Arbeit fortfahren in dem Bewußtsein: „Du bist also nicht gut!“?

Nein, es dürfte anders ablaufen. Der Betroffene wird zwar, wenn er sich im ganzen akzeptiert und nur im einzelnen kritisiert findet, Interesse, Loyalität, ein Achselzucken oder vielleicht sogar Freundschaft aufbringen, aber er kann dazu höchst begreiflicherweise nicht mehr imstande sein, wenn die Kritik ihm sozusagen die künstlerische Existenzberechtigung abspricht. Kein Autor sagt sich dann: „Der (arme) Mann übt seinen Job aus.“ Nein, man wehrt sich. „Sich wehren“, das heißt aber nur in Grenzfällen einen Prozeß anstrengen. Es heißt vielmehr, die kritische Meinung nach besten Kräften belanglos machen. Also: Die Kompetenz bestreiten: Der Kritiker sei seinerseits als Autor gescheitert und voller Ressentiments, er sei zu jung, zu alt, er habe nicht verstanden, worauf ich hinaus wollte, habe etwas kritisiert, was gar nicht von mir beabsichtigt war, habe sich schon im Falle X. geirrt, was beweist, daß er gar nicht... und so weiter. Oder die Redlichkeit bestreiten: Der Kritiker gehöre einer Clique an, sei beeinflußt, dürfte in seiner Zeitung nichts anderes schreiben, obwohl er privat eine ganz andere Meinung geäußert habe ...

Natürlich können alle diese Vorwürfe zutreffen. Wie ernst wären sie in dem Augenblick zu nehmen, da ein Dritter, offenbar Unbeteiligter, Neutraler, oder ein verantwortungsbewußter Redakteur sie erhöbe. Doch da die Un-Natur der Sache es will, daß Unterstellungen dieser Art gemacht werden, wenn nur der Selbstschutz des Autors und nicht auch der Sachverhalt sie rechtfertigt, ist die Situation einigermaßen heillos. Übrigens, statt sich darüber zu wundern, sollte man eher die relative Verträglichkeit der Literatoren bestaunen. Man stelle sich vor: Ärzte, die privatim herzlich schlecht übereinander sprechen, oder Professoren oder Ladenbesitzer oder Schneider oder Beamte erteilten sich öffentlich Zensuren. Bereits die streng geheim gehaltenen Gutachten erzeugen bekanntlich Haß und Lebensfeindschaften. Was aber würde passieren, wenn der Dentist A. die Technik seines Kollegen B. öffentlich rezensierte? In der Literatur aber sind fast alle Mittuenden sowohl gelegentlich Kritiker als auch Objekte von Kritik. Und doch haben sie sich noch nicht ausgerottet.

Es sind bereits einige Gründe dafür angedeutet worden, warum die Interessenten Kritiken belanglos zu machen versuchen. Auch einige scheinbar wohlgemeinte Ratschläge, auf die manche Kritiker, deren Unterscheidungskraft nicht überentwickelt ist, hereinfallen, haben – ohne daß die Ratgeber sich dessen bewußt zu sein brauchen – mehr die Belanglosigkeit als die Qualität der kritischen Äußerung zum Ziel: ich meine die Temperament-Sucher.

Wie klingt das lebensnah und menschenfreundlich, wenn man sagt, man wolle keine langwierigen Spekulationen hören, sondern eine temperamentvoll vorgetragene Meinung, die ruhig subjektiv sein darf, ja soll. Kein grämliches Zwar-Aber, sondern eine frisch gewagte, entschiedene Meinung! Manche Kritiker folgen dieser Devise und merken nicht, daß sie damit zum manischdepressiven Literaturclown werden. Man liest sie gern, gewiß: doch niemand braucht sie ernst zu nehmen, denn was sie sagen, zielt weniger auf Wahrheit als eben auf Temperament und Extremismus. Temperament, Feuer, Subjektivität haben aber doch nur Wert, wenn sie sich aus der Sache entwickeln. Manche Bücher sind nun einmal „zwar – aber“, rechtfertigen nur ein zögerndes J-ein. Wer dem ausweicht, übt – ich könnte Namen nennen – strotzende Selbstdarstellung.

Und eben von der Sache her scheint mir Leonhardts idealtypische Darlegung der drei Kritik-Möglichkeiten ein bißchen leer. Es gibt schließlich keine Kritik an sich, sondern nur eine Kritik eines Objektes. Man kann sich nicht im leeren Raum für Möglichkeiten entscheiden, so wie man überlegt, ob man Cello oder Klarinette spielen soll. Ein Essay-Band erfordert einen anderen Kritik-Ton (zum Beispiel die Mischung aus 1 und 3: Schüchtern persönlich) als schlechte Lyrik oder ein experimenteller Roman. Eine Kritik schreiben heißt zunächst, sich zur Sache etwas einfallen lassen, einen möglichst zentralen, vernünftigen, originellen, „tragenden“ Gedanken fassen. (Es können auch mehrere sein.) Diese These(n) nun so darzulegen, daß die Fakten, die man mitteilen muß, wenn man der Informationspflicht genügen will, als Glieder eines Gedankenzusammenhangs erscheinen: darauf kommt es an. Eine Aneinanderreihung zusammenhangloser Einzelbeobachtungen, wirrer Aphorismen ist genauso wenig eine Kritik wie irgendeine temperamentvolle Herzensergießung, die ihr Objekt bereits im ersten Absatz aus dem Auge verliert.

Um die Gerechtigkeit nicht zu übertreiben: wenn man ein Druckerzeugnis für vollkommen töricht oder nichtssagend hält, dann sind feinsinnige Erörterungen, die das Objekt – wie es oft geht – auf die Höhe eines Begriffs-Instrumentariums heben, in der es plötzlich interessant wird, verfehlt. In äußerster Not darf man (vermeintlichen) Quatsch als Quatsch bezeichnen (danach bitte mit dem Anwalt telephonieren). Widerspricht man jedoch der communis opinio, so hat man die Beweislast zu tragen; hat ein Autor sich bereits legitimiert, so besitzt er zumindest den Kredit, ernst genommen werden zu müssen. Schlechter kritischer Stil ist es meiner Ansicht nach auch, keine Namen zu nennen, wenn man Namen meint (ich tat es im vorletzten Absatz, in einer Kritik gehört es sich aber nicht) und Bücher nicht zu Ende zu lesen. Es sei denn, sie sind so unausstehlich, daß man nicht durchkommt. Dann empfehle ich die Formel: „Aus Gründen, die noch darzulegen sind, las ich nur Seite 1 bis 140. Mag sein, daß das Buch ab Seite 141 hölderlinsches Niveau erreicht. Bis Seite 140 war das allerdings nicht der Fall, sondern...“ – und nun, je nachdem, nüchtern, farbig, sachlich, persönlich.