Als liebenswürdiger Sokratiker handhabt Rudolf Walter Leonhardt die Hebammenkunst mit Grazie und List, konstruiert drei imaginäre Rezensions-Schemata und wartet darauf, daß die Befragten, verärgert über die Vereinfachung, sich allesamt provoziert fühlen. In Wahrheit gibt es eine Besprechungs-Kategorik von Leonhardtschen Maßen selbstverständlich nicht: „farbig“ und „sachlich“ schließen einander so wenig wie „nüchtern“ und „persönlich“ aus. „Objektivität“ – seit fünfzig Jahren spricht die Wissenschafts-Theorie davon – ist allein dort möglich, wo das erkennende Subjekt, das Ich des Betrachters, sich in den Erkenntnis-Prozeß einbezieht: sollte es in der Literaturkritik anders sein? Die sachlichste Kritik, scheint mir, ist am Ende immer noch die persönlichste Rezension, und keine Besprechung kommt, was die Farbigkeit betrifft, der heiligen Nüchternheit gleich – strahlt ein Element heller als das attische Salz?

Nicht die Synthese: das Extrem ist mir verdächtig. Ein Mann, der allein nüchtern und sachlich zu analysieren versteht, wird als Lexikograph recht brauchbar sein, als Kritiker hingegen kommt er nicht in Betracht; ein Rezensent andererseits, der immer nur „persönlich“ schreibt, sollte dichten und nicht die Bücher seiner Kollegen als „Aufhänger“ für geistreiche Animositäten mißbrauchen.

Nun, in der ZEIT schreiben dergleichen Pseudo-Rezensenten, so weit ich sehe, gottlob nicht: der eine mag böser, der andere freundlicher, der eine witziger, der andere gelehrsamer erscheinen – auf das Konzert kommt es an.

Im übrigen aber – diese gereizte Wichtigtuerei und das Gezänk im Wolkenkuckucksheim: Karl Kraus im Zeichen der Bombe... ist das nicht alles ein wenig makaber? Im politischen Teil die Beschwörung des Bikini-Balls, und im Feuilleton die Kinderspiele von Intellektuellen, die ihre Ohnmacht – statt nach Veränderungen der Realitäten zu trachten – durch Scheingefechte kompensieren: seltsam, seltsam ...

Ich möchte nicht mißverstanden werden: Das Kritikeramt verlangt Strenge, Liebe, Sachlichkeit und Ernst – aber es verlangt auch eine nüchterne Einschätzung der eigenen Lage und der eigenen Wichtigkeit. Die Eifersüchteleien, die Scheingefechte und bitteren Briefe, in denen man darlegt, wie gekränkt man sei, haben, so betrachtet, viel Schnurriges an sich. Wer schreibt, muß damit rechnen, verrissen zu werden: und wäre das schlimm? Ist es wirklich unumgänglich, daß ein Autor oder ein Verlag den tadelnden Kritiker für seinen Todfeind erklärt? Könnte man sich nicht trotzdem schätzen?

Soll ich – um ganz „persönlich-farbig“ zu werden – Friedrich Sieburg deshalb nicht für einen gewichtigen Kritiker halten dürfen, weil er (aus welchen Gründen auch immer) meine Bücher seit geraumer Zeit totschweigt und meine Freunde und mich – ein wenig altvorderlich, ein wenig schematisierend – unter einen Hut zu bringen sucht? Soll ich Günter Blöckers „Neue Wirklichkeiten“, ein Werk, aus dem ich viel gelernt habe, darum kein zweites Mal lesen, weil ich in vielem anderer Ansicht bin als Blöcker, weil ich glaube, daß der Kritiker Blöcker sich eines Tages an den Satz „Gerd Gaiser hat alles zu dem großen Erzähler unserer Tage“ ebenso ungern erinnern wird, wie der Kritiker Jens nach der Lektüre von „Clea“ an einige Abschnitte seiner Durreli-Besprechung denken mag?

Oh, diese Pauschalurteile! Darf ein Rezensent denn nicht irren, ein Autor niemals entgleisen? Muß ich aufhören, Alfred Andersch für einen bedeutenden Schriftsteller zu halten, weil er in der „Roten“, von allen guten Geistern verlassen, dem Tenor und Stil des „Einfachen Lebens“ verfiel? (Aber dies: einmal vollkommen daneben zu hauen, halte ich immer noch für ehrenwerter als die Mittelmäßigkeit.)