Der Bremer Finanzsenator Dr. Nolting-Hauff plädierte in der ZEIT (Nr. 49) für die Besteuerung von Veräußerungsgewinnen bei Grundstücken und Wertpapieren auch nach Ablauf der Spekulationsfrist.

Seit 12 Jahren bin ich regelmäßiger Leser der ZEIT und habe schon an vielen Aufsätzen aufrichtige Freude gehabt. Aber noch nie war sie so groß wie über den Aufsatz von Senator Dr. Nolting-Hauff. Dafür herzlichen Dank!

Als vor einem Jahre – endlich – Aktienbesitz und gewisse Arten von Grundbesitz stärker zur Vermögenssteuer herangezogen wurden, hatte ich gehofft, Sie würden nachträglich darauf hinweisen, daß damit nur ein erster, völlig ungenügender Schritt zur Beseitigung der schreiendsten sozialen Ungerechtigkeit in unserer Steuergebarung getan sei, und eine Reform in dem von Dr. Nolting-Hauff jetzt angeregten Sinne baldigst folgen müsse. Denn es kann doch nicht unklar sein, daß es sich hier um einen potentiellen sozialen Explosivstoff erster Ordnung handelt, wenn einmal breiten Kreisen der Bevölkerung die Augen über die Folgen dieser Art Steuergebarung geöffnet werden. M. E. hätte die SPD in Hannover daraus einen wirklich zündenden Wahlschlager machen können. Nun haben Sie dieses heiße Eisen angefaßt, in Anbetracht der Zusammensetzung Ihres Leserkreises eine wirklich mutige Tat! Dr. med. Br. Engel, Kassel

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Die Ausführungen von Senator Dr. Nolting-Hauff sind problematischer, als es die vereinfachende Darstellung des Verfassers erscheinen läßt. Der erfahrene Börsianer weiß, daß die Gewinne bei Wertpapierverkäufen alles andere als mühelos sind. In den letzten Jahren waren sie aus verschiedenen Gründen üppiger als üblich, aber auch in dieser Zeit hat mancher Anfänger, der gerne an den Gewinnen teilnehmen wollte, erfahren müssen, daß man ohne gründliche Kenntnisse und Erfahrung sich auf die Dauer die Finger verbrennen kann. Der richtige Börsianer leistet einen wichtigen Teil der Arbeit, die ein Unternehmer zu leisten hat, weshalb maßgebliche Publizisten diese Arbeit als nützlich und volkswirtschaftlich nötig bezeichnet haben. Diese Tätigkeiten und Geschäfte erfordern beträchtliche kaufmännische Kenntnisse, viel Nervenarbeif, Entschlußkraft und Risikofreudigkeit. „Mühelos“ sind diese Gewinne nicht!

Sind die Veräußerungsgewinne nicht als mühelos zu bezeichnen, so sollen sie doch wie andere Arbeitseinkommen versteuert werden. Hier fängt schon die Problematik an. Ein guter Teil dieser Veräußerungsgewinne, soweit es sich um kurzfristige Spekulationsgewinne handelt, wird schon durch die Spekulationssteuer erfaßt. über die Sechs-Monats-Frist hinaus werden die Veräußerungen seltener, die Papiere sind dann mehr und mehr in den Händen der Daueranleger, und da zeigt es sich, daß die größten Gewinne – sowohl bei Grundstücken wie bei Aktien – die nichtrealisierten Gewinne sind. Die Vermögenssteuer, die die Gewinnsteigerung erfaßt, bringt das an den Tag. Es handelt sich aber in Wirklichkeit um Buchgewinne, die sich eines Tages als mehr oder minder große Phantasie herausstellen können.

Eingriffe besonders steuerlicher Art in den Kapitalmarkt, der international verflochten ist, haben Folgen für die gesamte Volkswirschaft und wollen zweimal überlegt sein. Bei allen Eingriffen in den deutschen Kapitalmarkt muß man bedenken, daß Kapital und Aktionäre ins Ausland ausweichen können. An diese Fragen können nur verantwortliche Fachleute herangehen; es ist anzunehmen, daß eine Besteuerung von Veräußerungsgewinnen bei Grundstücken und Wertpapieren im Finanzministerium öfter als einmal geprüft und durchberaten worden ist. Letzten Endes erreicht den Besitzenden doch die Steuer!