Innerhalb von sechs Wochen hat England seinen Diskontsatz nun zum zweiten Male heruntergesetzt, um nochmals 50 Punkte auf jetzt 5 vH – erneut mit der Versicherung, daß auch. mit dieser jüngsten Diskontsenkung lediglich eine bessere Anpassung an die Sätze anderer Finanzzentren vollzogen werde. Sie deute beileibe keinen kreditpolitischen Kurswechsel an.

Als primäres Motiv wurde von Schatzamt und Noteninstitut also wiederum die Absicht herausgestellt, den amerikanischen Währungsbehörden bei der Behebung akuter Dollarschwierigkeiten behilflich zu sein. Das steile transatlantische Zinsgefälle hatte zu umfangreichen Geldverlagerungen von New York nach London geführt und die US-Goldreserven zu einem Zeitpunkt stark strapaziert, in dem der Dollar aus anderen Gründen unter starken Druck geraten war.

Nun übertrifft die britische Schatzwechselrate die amerikanische zwar um noch immer 2,2 vH – die sich bei Verrechnung der dem New Yorker Arbitrageur entstehenden Kurssicherungskosten auf etwa 1,1 vH halbieren; aber bei diesem nur noch geringen Zinsgefälle dürfte der Einstrom kurzfristiger US-Fonds versiegen, und so mag die Senkung des britischen Zinsniveaus in der Tat dazu beitragen, den auf dem Dollar lastenden Druck zu mildern und der Washingtoner Regierung ein Festhalten an der aus Konjunkturgründen angeratenen Politik des billigen Geldes zu ermöglichen.

Hinter Englands „gutnachbarlicher Hilfeleistung“ steht aber natürlich auch ein gut Teil unmittelbaren Eigennutzes. Da sie bewirken dürfte, daß sich die amerikanische Position nicht weiterhin verschlechtert, mag sie das Kennedy-Regime im Widerstand gegen Forderungen auf Zpllerhöhung, Auslandshilfekürzung und andere drastische Maßnahmen der Zahlungsbilanzgesundung bestärken, unter denen sich das ohnehin deflationäre Welthandelsklima verschlechtern müßte – sehr zum Schaden insbesondere der gegenwärtig recht anfälligen britischen Wirtschaft.

Des weiteren entstehen aus dem Zufluß ausländischer Arbitragefonds, gewissermaßen als Gegenposten, Verbindlichkeiten, die von heute auf morgen fällig werden können, so daß der jüngste Anstieg der britischen Gold- und Dollarreserven keineswegs als solide „Rücklage“ für den Verbrauch in schlechten Zeiten gelten darf. Drittens kosten diese Verbindlichkeiten Zinsen, auf deren Einsparung (7–8 Mill. £ je Schatzwechselverbilligung um Prozent) man um so mehr bedacht ist, als die diesjährige britische Zahlungsbilanz mit einem Defizit in der Größenordnung von 100 bis 200 Mill. £ abschließt, schlechter denn je seit zehn Jahren.

Wenn der Londoner „Economist“ schreibt, daß es um die internationale Zahlungssituation weitaus weniger schlecht bestellt wäre, falls Westdeutschland sich seiner internationalen Verpflichtungen genauso bewußt sein wollte wie es England ist, dann bedarf solcher Kommentar also einiger Differenzierungen. H. N.