Die deutsche Literatur träumt. Die Kritik schläft. Wenn sie einmal aus dem Schlaf spricht, schreien Leser, Verleger und Autoren vor Empörung. Ach, wir armen deutschen Kritiker!

Aus Leidenschaft für Bücher und Menschen, aus lauter Liebe zur Literatur wird man ein Buchkritiker und soll, berauscht von den Worten anderer, „nüchtern sachlich“ sich und alle wütende Sympathie oder allen Haß aufs Mittelmäßige und Schlechte vergessen, kalt und wie eine Kritikmaschine ein Kunstwerk sezieren? Ein Buch ist eine kleine Welt – oder eine taube Nuß. Und da soll ein Buchkritiker wie ein Postbeamter hinter einem Schalter ohne Ansehung der Person eine Buchkritik wie eine Briefmarke verkaufen, soll von sich absehn und vom Autor, soll so tun, als sei ein Buch eine Stapelware, eine Konservenbüchse, deren Käufer nur wissen will, was die Büchse enthält und ob der Inhalt gefärbt sei.

Bücher sind unsere Freunde oder Feinde, es sind lebendige Menschen, und so sollen wir sie behandeln. Natürlich hat der Leser das Recht, zu erfahren, was in dem Buch steht, was der Autor wollte, was er konnte und aus welchen Gründen der Kritiker das Buch liebt oder haßt, lobt oder tadelt.

Ein Buchkritiker sollte nur aus persönlichen Gründen über ein Buch schreiben, aus Sympathie, aus Antipathie, und ich will den Kritiker in seiner Kritik sehen, ich will ihn kennen, so gut wie das Buch und den Autor, die er behandelt. Ich mag diese anonymen Kritiker nicht, die wie maskierte Straßenräuber die armen Bücher und Autoren massakrieren, mit Lob oder Tadel, diese Wegelagerer der Literaturkritik, die sich hinter Buchstaben oder hinter einem Blatt verstecken.

Thomas Mann, dessen Buchkritiken und Literaturporträts zur steten Selbstdarstellung wurden, zur Selbstbezichtigung und zum Selbstgenuß, hatte hundertmal mehr über Bücher und Autoren zu sagen als jene Kritiker, die sogar signieren und doch anonym bleiben, weil sie sich und den Autor über dem behandelten „Text“ vergessen wollen.

Vor allem muß eine Buchkritik lebendig und interessant sein. Eine langweilige Kritik ist schädlicher als ein Verriß. Und eine Buchkritik muß wahr sein, also schonungslos gegen Leser, Verleger, Autoren, Bücher, ja auch gegen den Kritiker selber. Eine gute Buchkritik muß ein literarisches Kunstwerk sein, wie ein gutes Gedicht oder eine gute Geschichte, und sie muß recht behalten. Einer der besten deutschen Buchkritiker, Heinrich Heine, war ganz subjektiv und witzig und unterhaltend, und hat fast immer recht behalten.

Ich habe die vier Kritiken, Neumann gegen Andersch, Blöcker gegen Walser, Petra Kipphoff gegen Zuckmayer und Leonhardt für Kroneberg gelesen und nicht vergessen, nach vielen Wochen nicht. Die meisten Buchkritiken vergißt man, während man sie liest.