Von Marce! Reich-Ratiicki

Es ist immer etwas riskant, die Thematik eines bedeutenden Romans mit wenigen Worten zu kennzeichnen. Denn auf diese Weise wird ein einziger Aspekt eines komplizierten epischen Gebildes, der freilich der wesentlichste zu sein scheint, herausgegriffen und absolut gesetzt. Und das bedeutet in der Regel Einengung und Vereinfachung dessen, was der Künstler gewollt und geleistet hat.

Nach dieser einschränkenden Bemerkung dürfen wir feststellen – das Thema des Buches von

Vladimir Nabokov: „Das wahre Leben des Sebastian Knight“, aus dem Englischen von Dieter E. Zimmer; Rowohlt Verlag, Reinbek; 227 S., 14,– DM

ist die Literatur. Nicht etwa die Literatur eines Volkes oder einer Epoche, sondern die Literatur schlechthin. Ihre erhabene Größe und ihre erbärmliche Hilflosigkeit. Ihre Möglichkeiten und ihre Grenzen.

Ein herrliches, ein gewaltiges Thema also. Aber Nabokovs Roman ist durchaus nicht gewaltig, sondern leicht und locker und graziös. Ein wunderliches Spiel mit Themen, Motiven und Figuren. Eine kammermusikalische Dichtung in Prosa.

Sebastian Knight, 1899 in Petersburg geboren, flieht nach der Revolution aus Rußland, studiert in Cambridge, schreibt Romane, die bei feinsinnigen Lesern viel Anklang finden, und stirbt 1936. Bald erscheint seine Biographie: ein oberflächliches und verlogenes Machwerk aus der Feder seines ehemaligen Sekretärs und Agenten.