Der erste „Reise-Arrangeur“ war ein Eremit – „Touristik“ seit 700 Jahreil

In der Zeit der Sozialtouristik, der Pauschalreise um die Erde, der Campingfahrt mit Motorroller und der Reise ins exklusive Bad mit Landeplatz fürs Privatflugzeug – wer kann sich da vorstellen, daß es noch gar nicht so lange her ist, daß man den Leuten erst Lust aufs Reisen machen mußte! „Reiselust und Reisekunst“ heißt ein grünes Bändchen, das man heute nur beim Antiquar entdecken kann, das aber vor 45 Jahren reißenden Absatz fand. R. Seelig-Stanton, der Verfasser, wollte „Reisephilosophie in der Form von Unterhaltungslektüre“ bieten. Er muß ein kluger Mann gewesen sein, der seine Klassiker stets parat hatte, denn viele Seiten seiner nützlichen Schrift lesen sich wie „Geflügelte Reise-Worte“.

Nicht gelinde Verwunderung erregt er aber, wenn er, wie beiläufig, die Kreuzzüge als die ersten „großen Gesellschaftsreisen“ bezeichnet; „arrangiert“ von dem Eremiten Peter von Amiens – ein Hinweis, den die Plakatmaler der Reisebüros freudig begrüßen werden. Wenn er den trefflichen Sebastian Brant zitiert, der in seinem „Narrenschiff“ wettert: „Ein Narr ist, der viel Lant durchfârt / Und wenig Kunst und Tugend lârt / Ist als ein Gans geflogen aus / Kommt wieder als Gagack nach Haus / Es gnügt nicht, daß man gewesen sei / In Rom, Jerusalem, Pavey ...“, klingt zwar das Deutsch antiquiert, aber er scheint die Reisegepflogenheiten von 1960 geahnt zu haben.

Im Altertum und im Mittelalter hätte es keinen Sinn für Naturschönheiten gegeben, heißt es weiter (und die Griechen?). Rousseau war es, der das Naturempfinden neu belebte. Aber die Franzosen haben es ihm schlecht vergolten: Madame de Staël nennt das Reisen „un des plus tristes plaisirs de la vie“ (eines der langweiligsten Erlebnisse auf dieser Welt). Doch den Engländern lag seit je die Wanderlust im Blut. Die Briten des 17. Jahrhunderts können auch wir mit unserer Reisewut nicht schlagen, sie wurden ob des Spleens getadelt, alles Land zu verkaufen, nur um anderer Herren Länder zu sehen.

Die Blüte der Wanderzeit für die Handwerker und Künstler brachte erst die Romantik; noch Kant hat während der 80 Jahre seines Lebens nicht „das Weichbild von Königsberg aus dem Gesichte verloren“, und auch Schiller hat ja bekanntlich das Land seines „Tell“ nur im Geiste geschaut. Die Romantiker schrieben auch die schönsten Reiselieder, angefangen von Eichendorffs „Wem Gott will rechte Gunst erweisen“.

In der Neuzeit angelangt, entzückt sich R. Seelig-Stantons dichterisches Gemüt an der „Kursbuch-Poesie“ als einem „Meisterstück der Wahrsagekunst“ mit einem „Pränumerando-Genuß“. Er kommt auf die Reisehandbücher zu sprechen und macht eine gründliche Anmerkung zu dem Urbild unserer Reiseführer. Dies war der „Fidus Achates oder getreuer Reisegefert“ des Martin Zeiller, Anno 1561 zu Ulm erschienen. Er empfahl sich den Lesern mit den Worten des 32. Psalms: „Ich will dich unterweisen und dir den Weg zeigen, den du wandeln sollst; ich will dich mit meinen Augen leiten.“ Er legte den Reiselustigen ans Herz, in ihrem „wohlverschlossenen Reistrühlein, Rantzen, Felleisen oder Vellis“ nur das Allernötigste mitzunehmen, denn die Menge des Gepäcks ist beschwerlich und „locket nur die Räuber heran“.

Konnte noch das Kapitel „Seereisen“ mit den Worten schließen: „... so gehn sie hinaus dem Heile zu, und ihre Seele jauchzt der See entgegen ‚Thalatta! Thalatta!‘ “, so sind die Betrachtungen über das Luftreisen mit dem Luftschiff eine einzige Chronologie des Scheiterns, wenn auch der Trost bleibt, „man soll in technischen Dingen nicht mehr ‚niemals‘ sagen.“ Ausgiebig und optimistisch wird der „Kunstgenuß auf der Reise“ behandelt. Der Autor gibt nicht nur Ratschläge beim Betrachten von Gemälden (möglichst „durch die hohle Hand“ wegen der plastischen Wirkung), er ermuntert auch dazu, die Kunst überall zu suchen. „Wenn man die Stadt durchwandert, wird man sie fast auf Schritt und Tritt finden. Die Bahnhofsbauten, die großen Warenhäuser, die Kontorhäuser sowie die Wohnbauten, die in kühngeschwungenen Linien oder im anheimelnden Biedermeierstil an Schönheit wetteifern, alles atmet Kunst.“