Leserbrief: „Plädoyer für Gaiser“, ZEIT Nr. 50, und Walter Jens: „Gegen die Überschätzung Gerd Gaisers“, ZEIT Nr. 48

Ich würde Herrn Dr. Sturm aus Ansbach zustimmen, wenn er sich dagegen wendete, daß Walter Jens Gerd Gaiser rundweg als schlechten Schriftsteller abtut. Ein derartiges Pauschalurteil, mag es auch durch ausgewählte Textproben erhärtet werden, macht sich die Sache zu einfach. Doch solange selbst Kritiker von der Intelligenz Blöckers und Hohoffs ihre Leser unentwegt glauben machen, Gaiser sei der große deutsche Erzähler der Gegenwart, während überlegen-artistische Autoren wie Grass und Enzensberger von ihnen widerspruchslos als Brettlbegabungen abgetan werden, bedeutet der Angriff von Jens ein heilsames Auspendeln nach der anderen Seite, eine Richtigstellung.

Was Herrn Dr. Sturms Gedanken über Gaisers geistige Herkunft betrifft, so ist der Hinweis, Gaiser komme von der Jugendbewegung her, nur die schönere Seite der Wahrheit. Will man sich schon auf diese unerquickliche Frage einlassen, so muß denn doch gesagt werden, daß Gaiser erklärtermaßen ein leidenschaftlicher Nationalsozialist gewesen ist. Der 1941 von ihm publizierte Gedichtband „Reiter am Himmel“ (Gaiser war damals 33 Jahre alt) legt davon Zeugnis ab. In einem dieser Gedichte, das „Der Führer“ betitelt ist, und das die „alles Vergängliche bare“ Person Hitlers verherrlicht, heißt es: „Die ein Hebräer anführt: / Einer Schlachtsau Leben wird einstmals das eure gelten, / Stickig und fett.“ Ich weiß nicht, ob Herr Dr. Sturm noch auf seiner Meinung beharrt, Gaiser sei kein Antisemit, gewesen, und ob er Jens’ Parallele zwischen „Bösewicht Rakitsch“ und der Diktion Veitel Itzigs noch immer ausgeklügelt nennt. Mir will scheinen, daß die Beobachtung, Gaisers Werk sei „antisemitisch getönt“, eher die euphemistische Umschreibung eines weit unangenehmeren Sachverhaltes darstellt! Die geistige Verwandtschaft mit Griese und Kolbenheyer könnte eine eingehende philologische Untersuchung aufzeigen, wobei man zugestehen möchte, daß Gaisers Bücher, mit denen seiner Vorgänger verglichen, allerdings den Vorzug besitzen, die Blut- und Bodenliteratur in der gefälligeren, stilisierteren Form zu repräsentieren.

Edward Reichel, Bad Godesberg

Bocksprünge der Sprache

Ich finde es sehr schön, daß Sie auf Ihrer Leserbriefseite gelegentlich auch Auseinandersetzungen über die deutsche Sprache Raum geben. Ich möchte ein kleines Scherflein dazu beitragen.

Vernünftigerweise werden manche Verordnungen und Richtlinien zwischen dem Bund und den Ländern abgestimmt. Es gibt auch Ausschüsse und Arbeitsgemeinschaften, die sich redlich um Rechtsgleichheit in den Ländern bemühen. So gibt es auch einen Ausschuß, der sich mit den Fragen der Heimarbeit (mechanisches Weben von Stoffen) befaßt. Dieser Ausschuß hat einen schönen und den Sprachforscher sicherlich besonders interessierenden Namen: ,‚Heimarbeitsausschuß auf Überlandesebene für die Haus- und Lohnweberei.“