Die Börse nimmt gegenwärtig Tendenz-Wechselbäder. Einmal fest, einmal schwach. Praktisch wurde die Kursbildung dem Zufall überlassen. Wo etwas zu kaufen war, stiegen die Notierungen (oftmals gar nicht wenig). Wer verkaufen wollte, mußte andererseits mit empfindlichen Abschlägen rechnen. Diese unbefriedigende Situation ist immer noch der Liquiditätsspannung zuzuschreiben, von der einige Banken erwarten, daß sie in der zweiten Dezember-Hälfte abgebaut wird gekauft. Allerdings sehr vorsichtig, ohne einen Ausbruch der Kurse nach oben auszulösen.

Die Investment-Gesellschaften machen in diesem Monat kein schlechtes Geschäft. Der Absatz der Zertifikate belebt sich. Damit wächst die Anlagefähigkeit der Fonds, die ständig als Käufer auftraten. Aber auch nur, wenn die Börse schwach war. Ähnlich handelte ein Teil der Bankkundschaft, deren flüssige Mittel aber allmählich zu Ende gehen, zumal dann, wenn die Bestände bereits zu den niedrigen November-Kursen aufgefüllt worden sind.

Wer soll also die Weihnachts-Hausse machen? Die Banken? Sie „leiden“ noch unter den Maßnahmen der Liquiditätsabschöpfung und werden kaum geneigt sein, ihre Aktienbestände zum Jahresschluß zu vergrößern. Auch die Versicherungen, bei denen ständig neues Kapital anfällt, scheiden zur Zeit als Aktienkäufer aus, weil sie sich an der Entwicklungshilfe beteiligen und dafür Mittel bereitstellen müssen. Alle Hoffnungen der Börse sind infolgedessen auf die Weihnachts-Anleger gerichtet, die traditionell am Ende eines guten Geschäftsjahres einen Teil ihres Gewinnes „wertbeständig“ in Aktien anlegen. Erfahrungsgemäß ist die Anlagebereitschaft dieser Kreise um die Jahreswende besonders groß. Sie flacht in den ersten Monaten eines neuen Jahres ab und wächst wieder, sobald die ersten Dividenden ausgezahlt werden.

Im Grunde ist also die Basis für eine nachhaltige Steigerung der Kurse recht schmal. Das wirkt sich um so mehr aus, als die Neigung, bei festen Kursen Gewinne zu kassieren, nach den letzten kräftigen Schwankungen gewachsen ist. Die Börsenkulisse, also jene Kreise, die sich beruflich oder „halbberuflich“ mit dem Aktienhandel befassen, hat offenbar erkannt, daß „große Fische nicht mehr an Land zu ziehen sind“. Sie begnügt sich mit bescheidenen Gewinnmargen, meist ohne Rücksicht auf die steuerlichen Sperrfristen zu nehmen. lieber Gewinne versteuern, als sechs Monate warten und dann vielleicht nichts verdient zu haben! Nach diesem Motto wird vielfach gearbeitet.

Unter diesen Umständen darf man sich nicht •wundern, wenn die Tendenz – im Gegensatz zu den Hausse-Monaten dieses Sommers – durch günstige Nachrichten aus dem Bereich der Gesellschaften völlig unbeeinflußt bleibt. Jetzt rächt 6e sich natürlich, daß die Börse schon vor Monaten alle positiven Folgen, die sich aus der Hochkonjunktur ergeben, in den Aktienkursen berücksichtigt hat. Daß die Gesellschaften ihre Dividenden erhöhen; ist heute eine Selbstverständlichkeit. Wo es nicht geschieht, wie im Falle MAN, kommt es zu entsprechend negativen Reaktionen. Was passiert aber, wenn sich die Enttäuschungen häufen sollten? Bisher erschien der Börse sicher, daß die Großbanken beispielsweise ihre Ausschüttungen für 1960 auf 18 (16) vH festsetzen würden. Aber seit einigen Tagen wird man in der Zuversicht schwankend. Natürlich gibt es keinen Zweifel daran, daß die Banken ohne weiteres in der Lage sind, diese Sätze ihren Aktionären zur Verfügung zu stellen, denn 1960 war auch für die Kreditinstitute – trotz Mindestreservenerhöhungen – ein Rekordjahr. Die Frage lautet deshalb nicht: Sind 18 vH verdient worden? Sondern: Ist es aus optischen Gründen nicht zweckmäßiger, die letzte Dividende beizubehalten (oder nur wenig zu steigern) und dafür die Rücklagen noch stärker anzureichern? Treten aber die Großbanken hinsichtlich ihrer eigenen Dividenden auf der Stelle, so wird mit Sicherheit eine Reihe anderer Gesellschaften diesem Beispiel folgen. Dann werden wieder die Schlagworte von der kontinuierlichen Dividendenpolitik und von der notwendigen Rücklagenbildung in guten Zeiten modern. Die Großbanken-Dividenden stellen die Weichen für die 1960er Dividenden. Sie werden zu einer Art Tendenzschlüssel.

Kurt Wendt