J. K., Paris, im Dezember

Alle Anzeichen deuten darauf hin, daß die Entwicklung in Algerien sich in den nächsten Wochen überstürzen wird. Und niemand kann voraussagen, wie ihr Ausgang sein wird. Diese Ungewißheit hat jedoch die Erdölindustrie in der Sahara keineswegs an ihrer Forschungs- und Produktionstätigkeit gehindert. Man hat im Gegenteil den Eindruck, daß das Dunkel über den politischen Perspektiven sie eher stimuliert.

Die treibende Kraft ist selbstverständlich die Regierung in Paris. Sie hat kurz hintereinander zwei neuen, wenn auch kleinen Operationsgebieten das Signal zur Produktionsaufnahme gegeben, indem sie die Genehmigung zum Bau von Erdölleitungen für den Transport des in diesen Gebieten anfallenden Erdöls gegeben hat. Diese beiden Produktionsgebiete sind: El Gassi und El Agreb, 120 km südlich von Hassi-Messaoud mit einem anfänglichen Jahresausstoß von 500 000 t, und Ohanet, etwa 120 km nordwestlich von Edjelé mit einem anfänglichen Jahresausstoß von 1,5 Mill. t.

Beide Produktionsgebiete werden durch Pipelines mit Hassi-Messaoud, dem Ausgangspunkt der großen Ölleitung nach Bougie an der algerischen Küste verbunden werden. Für das ziemlich nahe bei Hassi-Messaoud gelegene erste Produktionsgebiet ist dies der natürliche Verbindungsweg, für Ohanet, das 550 km von Hassi-Messaoud, aber kaum über 100 km von dem Ausgangspunkt der Pipeline Edjele–La Skhirra am Golf von Gabes (Tunesien) entfernt liegt, ist der Pariser Regierungsbeschluß befremdend. Er erklärt sich mit politischen Überlegungen.

In Paris hat man gleich zu Beginn der Forschungstätigkeit im Gebiet von Edjelé daran gedacht, dieses Zentrum durch eine zweite Pipeline mit Hassi-Messaoud zu verbinden, um im Falle von politischen Schwierigkeiten mit Tunesien eine „Ausweichleitung“ zu haben. Eine solche „Sicherheitsleitung“ könnte, wenn wie geplant im Herbst 1961 die Leitung Ohamet–Hassi-Messaoud steht, durch seine Verlängerung bis Edjelé rasch realisiert werden. Auch technisch würde dies keinerlei zusätzliche Schwierigkeiten bereiten, da das Gelände zwischen Edjelé und Hassi-Messaoud ziemlich eben ist und sogar leicht abfällt, so daß nicht einmal Pumpstationen benötigt werden.

Nicht nur aus technischen Gründen war damals beschlossen worden, die Leitung über tunesisches Gebiet zu legen. Man dachte an eine spätere „Beteiligung“ der nordafrikanischen Staaten an den Reichtümern der Sahara. Tunesien erhält in einem vollen Produktionsjahr, also ab 1961, Durchgangsgebühren in Höhe von 30 bis 40 Mill. NF. Die diesjährige Produktion von Hassi-Messaoud und Edjelé wird annähernd 9 Mill. t erreichen (ungefähr 7 Mill. t für Hassi-Messaoud und 1,8 Mill. t für Edjelé). Jedoch schon im nächsten Jahr wird Edjelé das Produktionsvolumen von Hassi-Messaoud (8 Mill. t) mindestens erreichen, wenn nicht sogar leicht übertreffen.

Inzwischen macht der Bau des Naturgas-Leitungsnetzes von Hassi R’Mel (2000 Mrd. cbm Reserven) gute Fortschritte. Die Hauptleitung Hassi R’Mel–Arzew bei Oran ist im Rohbau beendet. Mit dem Bau der Querverbindung zu dem großen algerischen Industriezentrum in und um Algier ist begonnen worden. Vom Frühjahr 1961 an kann der Ausstoß nach Arzew beginnen; im Herbst 1961 wird Algier mit Naturgas versorgt werden können. Hassi R’Mel wird ferner durch eine Rohrleitung mit Hassi-Messaoud verbunden werden, die zum Transport des bei der Naturgasgewinnung anfallenden Gasolins (500 000 t jährlich) dienen soll. Auch diese Leitung soll im Sommer 1961 fertiggestellt werden.