Tminus zehn!“ Sieben junge Männer hingen gebannten Blicks an den Fernsehschirmen: dort redete sich mächtig die fast dreißig Meter hohe Redstone-Rakete, auf deren Spitze eine tausend Kilogramm schwere Mercury-Kapsel ruhte. In einer solchen Kapsel wird einer der sieben jungen Männer demnächst zur ersten amerikanischen Raumfahrt aufsteigen – oder doch wenigstens zum ersten kurzen Weltraum-Hopser.

Im Blockhaus der Abschußrampe 26 auf dem Versuchsgelände von Kap Canaveral herrschte Stille. „... drei, zwei, eins ... Feuer!“

Dreihundert Kilometer sollte die Redstone über den Atlantik hinausfliegen – doch sie rührte sich kaum vom Fleck. Ein paar Zoll erhob sie sich über die Erde, dann sank sie bleiern wieder auf die Rampe zurück. Ein winziges Relais hatte nicht funktioniert und die Treibsätze wieder abgeschaltet. Einsam und planwidrig schoß statt dessen die Rettungsrakete, die an der Mercury-Kapsel befestigt war, in den Himmel empor; die Raumfahrerkabine selber blieb, ziemlich verrußt, auf der Rakete sitzen, deren glänzender Leib 19 Tonnen Kerosin und flüssigen Sauerstoff barg – und eine Reihe gefährlich schmorender Kabel.

Die Raumfahrt-Aspiranten sahen einander entsetzt an. Wenn einer von ihnen in der Kapsel gewesen wäre? Wenn auch Wernher von Braun den Fehlschlag als „kleinen Unglücksfall“ abtat, so wurde doch an diesem Morgen klar: vor Ende 1961 ist nicht damit zu rechnen, daß die Amerikaner den ersten bemannten Satelliten in den Weltraum schießen.

Die große Frage ist, ob es den Sowjets früher gelingt. Im August, als sie einen Satelliten mit den Hunden Bjelka und Strjelka starteten und sicher wieder auf der Erde landeten, sah es ganz so aus, als werde ihr erster Kosmonaut – wie sie ihre Raumfahrer im Unterschied zu den amerikanischen Astronauten nennen – bald die Schwelle zum Weltraum überschreiten. Dann jedoch zeigte sich Anfang Dezember, als ihr nächstes Raumschiff mit zwei anderen Hunden beim Wiedereintauchen in die Atmosphäre verglühte, daß auch sie gegen Unglücksfälle nicht gefeit sind. Der Ausgang des Wettlaufs um den Weltraum ist wieder offen.

Noch liegen die Sowjets bei diesem Rennen in Vorteil. Sie können heute schon Nutzlasten von fünf Tonnen auf eine Bahn um die Erde schleudern; die stärkste amerikanische Rakete, die Atlas, schafft höchstens eine Tonne. Erst im Jahre 1963 wird sich dies ändern: Bis dahin hoffen die Amerikaner, mit der riesigen Saturn Nutzlasten von zehn Tonnen Gewicht in den Raum stemmen zu können.

Die Amerikaner haben in den vergangenen drei Jahren mächtig aufgeholt. Insgesamt starteten die Sowjets neun Satelliten, die Amerikaner aber über 30. Die US-Wissenschaftler sind ihren russischen Kollegen im dritten Jahr des Raum-Rennens eindeutig davongelaufen: Die bahnbrechenden Forschungsergebnisse sind von amerikanischen Satelliten übermittelt worden, nicht von sowjetischen. Nur dort, wo es um die rohe Schubkraft der Raketentriebwerke geht, sind die Sowjets voraus. Dieser Vorsprung freilich mag genügen, um einem der ihren den Ruhmestitel des ersten Menschen zu verschaffen, der je das Schwerefeld dieser Erde verlassen hat. Th. S.