Eine neue britische Studie – Volksarmee der Zone nur 65 000 Mann?

Vor einem Jahr erregte während der Pariser Dezember-Konferenz der NATO eine Studie des Londoner Instituts für Strategische Studien Aufsehen, in der die militärische Stärke des Westens mit der des Ostblocks verglichen wurde. Rechtzeitig zur diesjährigen NATO-Konferenz legte das Institut jetzt eine nicht minder aufsehenerregende Revision dieser Studie vor. Deren Ergebnis: Die Sowjets haben nicht 175, sondern 135 Divisionen unter Waffen; die Volksarmee der Zone zählt nur 65 000 Mann.

London, im Dezember Weit über zehn Jahren gilt in westlichen Militärkreisendie Annahme, daß die Sowjetunion über 175 einsatzbereite Divisionen verfügt. Diese Annahme ist jetzt von einer maßgebenden Stelle revidiert worden. In einer nüchternen Aufstellung über die Stärke der beiden großen Blöcke in der Welt (The Communist Bloc And The Free World – The Military Balance 1960) veranschlagt das Londoner Institute Tor Strategie Studies die Sowjetarmee auf gegenwärtig 135 einsatzbereite Divisionen. Da deren Stärke mit allen Hilfsverbänden zur Zeit 2,25 Millionen Mann beträgt, sind viele Divisionen offensichtlich unter ihrer Sollstärke besetzt.

Das Institut, dem viele namhafte Militärfachleute Englands, der USA und anderer NATO-Länder, einschließlich der Bundesrepublik, angehören, hatte noch voriges Jahr in einer ersten vergleichenden Studie über die Militärstärke von Ost und West an der Zahl von 175 Sowjetdivisionen festgehalten. Inzwischen aber hat sich herausgestellt, daß jene Broschüre, wie jetzt im Vorwort zugegeben wird, allerlei Irrtümer enthielt. Die diesjährige Studie versucht, sie richtigzustellen; insbesondere haben die Verfasser auch darauf verzichtet, spekulative Angaben amerikanischer Zeitschriften zu übernehmen.

Daß Chruschtschow, der einst tatsächlich über 175 Divisionen gebot, heute nur noch 135 ins Feld stellen kann, bedeutet allerdings keineswegs, daß die Sowjets militärisch schwächer geworden seien. Sie haben lediglich nachgeholt, was die Briten und Amerikaner bereits vor ihnen getan hatten: die mit einer Verminderung der Truppenstärke verbundene Umrüstung auf Atomwaffen und Raketen. Die Sowjetarmee ist in den letzten Jahren völlig modernisiert worden. Sie verfügt jetzt über 20 000 neue Panzer, eine sehr starke Artillerie, die mit einer 20,3-Atomkanone ausgerüstet ist, und über einen verbesserten Typ der deutschen V-2. Diese Waffe gehört schon zur Standardausrüstung der taktischen Verbände; sie hat eine Reichweite von 650 Kilometern und kann einen Atomsprengkopf tragen. Im übrigen kann der Kreml im Falle eines europäischen Krieges binnen eines Monats weitere 125 Divisionen mobilisieren.

Was die interkontinentalen Raketen anbetrifft, so sind die Russen nach dem Bericht des Londoner Instituts den Amerikanern tatsächlich voraus. Sie verfügen heute vermutlich – ganz sicher ist dies nicht – über 35 Raketen mit einer Reichweite von 13 500 Kilometern, und bis Ende 1961 soll sich ihre Jahresproduktion an Interkontinentalraketen auf 200 Stück belaufen. Die Amerikaner hingegen besitzen vorläufig nur neun einsatzbereite „Atlas“-Raketen mit geringerer Reichweite. Dafür haben sie allerdings sehr viel mehr Langstreckenflugzeuge, die im Ernstfall auch ganze Städte des Gegners vernichten könnten.

Die Angabe, daß sowjetische Abschußrampen für Raketen mittlerer Reichweite im Thüringer Wald zu finden seien, hat das Institut dieses Jahr fallen lassen, ebenso die Behauptung, daß Moskau rund hundert solcher Basen besitze. Nach den neuen Angaben liegen, diese Mittelstreckenraketen (Reichweite 1600 beziehungsweise 1900 Kilometer) nicht auf Satellitengebiet, sondern innerhalb der Sowjetunion, „nahe ihrer West-, Süd- und Ostgrenzen, an der Küste des Stillen Ozeans und in Sibirien, so daß sie die Hauptkonzentrationen westlicher Luft- und Raketenmacht von Okinawa bis England unter Beschuß halten“.