Der Ostberliner Staatssekretär Otto Winzer hat sich etwas Neues einfallen lassen. Rund 600 000 Zonenbewohner seien in den ersten zehn Monaten dieses Jahres in das Bundesgebiet eingereiht, so sagt er, während nur 818 000 Bundesbürger die Zone besucht hätten. Vergleiche man diese Zahlen mit der Bevölkerungszahl der beiden Gebiete, so spreche das Ergebnis „eindeutig zuungunsten der Bundesrepublik“. Denn, so schließt Winzer messerscharf: Die geringe Zahl von West-Ost-Reisenden erkläre sich aus der Furcht der Westdeutschen vor Nachteilen und Repressalien, die ihnen nach der Rückkehr von einer solchen Reise drohten.

Nun, hierzulande hat bisher noch keiner eine Ausreisegenehmigung gebraucht, wenn er in den anderen Teil Deutschlands reisen wollte (möge es, dem Bundesinnenminister zum Trotz, auch dabei bleiben!). Daß die geringe Reiselust der Bundesbürger auch auf mangelnder Anziehungskraft der Zone beruhen könnte, auf den obligaten Papierkrieg um die Aufenthaltsgenehmigung oder die anscheinend unvermeidlichen politischen Belehrungsstunden, die westdeutsche Reisende über sich ergehen lassen müssen, ist Herrn Winzer offenbar nicht in den Sinn gekommen. H. P. B.