Was aber soll geschehen? Die Malthus-Gegner verweisen auf die noch unausgeschöpften wirtschaftlichen Möglichkeiten und die ständige Weiterentwicklung der Energiewirtschaft. Nach den Angaben des Jesuitenpaters Brugarola würden die Nahrungsmittelabfälle einer einzigen amerikanischen Großstadt von 100 000 Einwohnern ausreichen, eine europäische Großstadt gleicher Größe zu versorgen, und deren Abfälle wiederum würden eine asiatische Stadt von 100 000 Einwohnern ernähren können. Der deutsche Wirtschaftsexperte Professor Baade sieht in der Ernährungskapazität der Erde kein Problem, selbst dann nicht, wenn die Menschheit auf 65 Milliarden und mehr anwachsen würde, was etwa der Wohndichte des heutigen New York auf allen besiedelbaren Erdgebieten entspräche.

Viele Wissenschaftler aber sehen in drastischer Einschränkung der Nachkommenzahl das einzig realistische Rezept, das helfen kann. Erst Mitte November hat eine Gruppe von 172 Persönlichkeiten aus 19 Ländern, unter ihnen 39 Nobelpreisträger, die Vereinten Nationen aufgefordert, sich energisch für eine Geburtenkontrolle auf der ganzen Erde einzusetzen, um die bedrohliche Entwicklung zu bremsen. Die Welt gehe, so heißt es in dem Aufruf, „einem dunklen Zeitalter des Elends, des Hungers, ungenügender Erziehung und gefährlicher Unruhe“ entgegen, wenn nicht ein Ausgleich zwischen der Weltbevölkerung und den vorhandenen Hilfsquellen gefunden werde. „Wir glauben“, heißt es weiter, „daß die verbreitete, wirkungsvolle und freiwillige Anwendung der medizinisch vertretbaren Geburtenkontrolle ein wesentlicher Faktor bei allen menschlichen Plänen zur Hebung des Welt-Lebensstandards und zur Erreichung des internationalen Friedens ebenso wie der sozialen und familiären Stabilität ist.“ Die Bevölkerung der Erde werde im Jahre 2000 auf sechs Milliarden angewachsen sein, schon jetzt aber seien zwei Drittel der Menschheit unterernährt. Zu den Unterzeichnern des Appells gehören Persönlichkeiten wie die deutschen Professoren Otto Hahn und Max Born, Hermann Hesse‚ die Engländer Philip Noel-Baker, Julian Huxley, Arnold Toynbee, Bertrand Russell und Somerset Maugham, der Franzose André Maurois und die Amerikaner Dean Acheson und Eleanor Roosevelt.

Wie aber sollte eine weltweite Geburtenkontrolle verwirklicht werden? Offenbar ist sie leichter empfohlen als ausgeführt – ganz zu schweigen von den moralischen Bedenken. Das Recht auf Kinder ist so alt und selbstverständlich wie das Leben selbst. Kinder kommen eben.

Aber der Hunger, die Not und das Elend, sie kommen eben auch. Ein Inder sagte von seinen Landsleuten: „Viele dieser Menschen leben in bitterster Armut. Die einzigen Freuden, die sie genießen, sind die ehelichen. Kann man sie ihnen beschneiden?“ Und eine Inderin, die sich beruflich mit dem Bevölkerungsproblem herumschlägt, erklärte einem Befürworter der zeitweiligen Enthaltsamkeit „Kann man Butter vor dem Schmelzen bewahren, wenn man sie neben das Feuer legt?“

Amerikanische Pharmakologen glauben, das „Kolumbus-Ei des Bevölkerungsproblems“ jetzt in einer Droge gefunden zu haben. Ein anderer Weg ist die Radikalkur einer verstärkten öffentlichen Aufklärung und einer freiwilligen Sterilisierung, zu der angesichts der lawinenhaft anschwellenden Bevölkerung die indische und auch die japanische Regierung jetzt die Bewohner ihrer Länder ermutigen. Was gute Worte – Enthaltsamkeitsratschläge und Ehekalender – nicht vermochten, soll der operative Eingriff ein für allemal bewirken: eine drastische Senkung der Geburtenzahlen. In Indien und in Japan ist es seit einigen Jahren jedem Bürger möglich, sich gegen geringe Kosten oder gar kostenlos unfruchtbar machen zu lassen. In der indischen Provinz Madras und im Fürstenstaat Mysore sind sogar Prämien ausgesetzt worden für jeden, der sich dieser kleinen, aber nachhaltigen Operation unterzieht. In China hat man neuerdings die Aktionen zur Geburtenkontrolle wieder gestoppt; die roten Politiker rechnen mit dem Einsatz der „Bevölkerungsbombe“.

Voran die Polen

In Indien, dessen Bevölkerung zur Zeit täglich um 50 000 Menschen wächst, scheint freilich die Sterilisierungskampagne nicht recht einzuschlagen. 1948 unterzogen sich nur 140 000 Inder und Inderinnen der Prozedur. Was bedeutet das bei diesem 430-Millionen-Volk! Auch ein großzügig finanzierter Aufklärungsfeldzug mit Werbeplakaten, Lehrfilmen, Rundfunkprogrammen und ambulanten Gesundheitsdiensten hatte nur spärlichen Erfolg. Premierminister Nehru beklagte sich: „Unsere Bemühungen hinsichtlich der Geburtenkontrolle sind mit Zurückhaltung, Gelächter und Witzelei aufgenommen worden...“