Es gibt Leute, die fragen sich von Zeit zu Zeit, ob das, was sie da machen oder zu machen versuchen, überhaupt einen Sinn hat. Wenn ja: welchen?

Solche Fragen waren es, die uns veranlaßten, in tollkühner Simplifizierung drei Möglichkeiten der Literaturkritik zu statuieren – 1. nüchtern sachlich, 2. farbig sachlich, 3. farbig persönlich – und sie einer erlesenen Schar von Autoren und Kritikern zu schicken mit der Bitte, dazu Stellung zu nehmen. Gleichzeitig hatten wir, um der Diskussion konkretere Anhaltspunkte zu geben, vier ZEIT-Rezensionen als möglicherweise besonders geeignete Zielscheiben für kritische Pfeile aufgebaut. Wir können nicht verhindern, daß Kritik für die Betroffenen zuweilen schmerzlich ist. Wir können und wollen, so oft es sich irgend einrichten läßt (dem sind rein technisch Grenzen gesetzt – zum Beispiel durch den Umfang dieser Zeitung), die andere Seite hören.

Der Schrei eines Verwundeten klingt nicht schön. Und hinter den Kulissen des Literaturbetriebes werden mehr Wunden geschlagen, als die fürs Weihnachtsgeschäft festlich dekorierte Bühne vermuten läßt. Ist das ein Grund zu klagen? Zunächst sei es nur Erklärung dafür, daß wir hier auch dann Stimmen in vollem, ungekürztem Wortlaut abgedruckt haben, wenn wir sie selber ein wenig harmonischer gewünscht hätten.

Auf unsere Frage antworteten: Marcel Reich-Ranicki, Walter Boehlich, Hans Magnus Enzensberger (ZEIT Nr. 49); Walther Killy, Carl Zuckmayer (ZEIT Nr. 50); Hermann Kesten, Günter Blöcker, Joachim Kaiser, Walter Jens (in dieser Nummer). Es sollte darauf hingewiesen werden, daß alle Antworten gleichzeitig hier vorgelegen haben und nur aus Platzgründen nicht gleichzeitig gedruckt werden konnten: daß also keinem, der hier Stellung genommen hat, die anderen Stimmen vorher bekannt waren.

Eine einzige Stellungnahme überschritt die bei einer solchen Umfrage besonders weit (manchem viel zu weit) gesteckten Grenzen redaktioneller Toleranz: eine wilde Attacke von Günter Grass auf Friedrich Sieburg, Werner Weber und Günter Blöcker erschien uns aus formalen Gründen als nicht druckreif.

Wir selber haben viel gelernt aus diesen Antworten – auch aus einer Fülle von Briefen, in denen nun wieder die Kritik der Kritik kritisiert wird. Wer hier nur persönliche Zänkerei und Stänkerei sehen kann, der möge einen Gedanken von Joachim Kaiser zu Ende denken: Was geschähe wohl, wenn gedruckt zu lesen stünde, was in anderen Berufen ein Kollege über den anderen denkt?

So gesehen, schlagen sich die Literaten eigentlich noch ganz wacker. Ich wüßte nur eine Berufsgruppe zu nennen, die sich in ähnlicher Weise, manchmal mehr „nolens“ als „volens“, damit abgefunden hat, daß Opposition und Kritik nun einmal dazuzugehören scheinen: die vielgeschmähten Politiker.

Wozu zu gehören scheinen? Zu einer Gesellschaft, die man „demokratisch“ hätte nennen können, ehe das Wort durch Mißbrauch in seinem Bedeutungsgehalt schillernd wurde. Sagen wir also: zu einer Gesellschaft, in der die Einheits-Meinung noch nicht zur Staatsdoktrin erhoben worden ist, sondern deren geistige und damit auch politische Struktur gerade davon ausgeht, daß man über die meisten Dinge zwei und über viele noch sehr viel mehr Meinungen haben kann. Leo