Die Saisonschlager auf unseren Schauspielbühnen erscheinen nach einer verzwickten Vertriebsmathematik. Ist etwas für den Erfolg bestimmt, so fragt sich nur noch: Wo findet der effektvollste Start statt, damit auch das Dutzend der optierenden Bühnen günstigen Rückenwind von der Erstaufführung bekommt? Um so mehr verdient die eigene Initiative solcher Bühnen beachtet zu werden, die einen noch unbekannten Autor ohne Rückendeckung ausprobieren, die vergessene Stücke mit eigener Kraft beleben oder das wenig Bekannte von einem längst Erfolgreichen spielen.

In Braunschweig wird das Staatstheater nicht müde, in seinem „Kleinen Haus“, das mehr einem Dachboden für Experimente als einem Theaterraum gleicht, neue Stücke vorzustellen. Diesmal war es ein hierzulande noch unbekannter Franzose: Robert Pinget, ein vierzigjähriger Rechtsanwalt, der sich ganz der Schriftstellerei ergeben hat. „Ohne Antwort“ heißt sein Stück.

Im Schloßtheater zu Celle wurde eine Komödie des klassischen Römers Plautus – „Der Goldtopf“ – sowohl dem gelehrten Bildungstheater wie dem naheliegenden Klamauk entrückt.

Im Hamburger Theater im Zimmer schließlich, wo nach dem Tode Helmuth Gmelins seine Tochter das Heft in der Hand hat, ist augenblicklich Gelegenheit, „Die Wilde“ von Jean Anouilh zu sehen.

„Ohne Antwort“ muß Herr Levert auf alle die Briefe bleiben, die er täglich, an seinen Sohn schreibt. Er kann sie nicht einmal absenden. Denn der Vater weiß nicht, wohin sein Sohn vor zehn Jahren gegangen ist. So findet er sich jeden Abend in der Bar ein, in der er zuletzt mit dem Sohn regelmäßig getrunken hat, hoffend, daß er ihn so vielleicht bei sich halten könne. Im Gespräch mit dem Barkellner und anderen versucht er, irgendeinen Hinweis auf den Verbleib des einzigen Menschen, an dem sein eigenes Leben hängt, zu erhalten. Diese Hoffnung ist ebenso vergeblich wie im zweiten Akt der tägliche Besuch auf dem Postamt. – Pingets Warten auf den Brief rangiert unterhalb von Becketts „Warten auf Godot“; dem Spielmuster, mit dem es in jedem Akt auch dürch eine szenisch belebende, komische Einlage verbunden bleibt. Epigonal also? Mag sein. Immerhin ist der Dialog so präzise und die Dramaturgie so tragfähig, daß Pinget den Handlungsverlauf und die epische Technik seines eigenen Romans bis auf die Hauptgestalt für das Bühnenstück verlassen konnte. Für einen Schauspieler, der hoffnungslose Gebrochenheit mit brennender Sehnsucht und hektischer Reizbarkeit zu vereinigen wüßte, hat der Autor eine dankbare Rolle geschrieben. In Braunschweig war Fritz Luther zu wenig differenziert; auch die Regie Helmut Gengs setzte sich um verstärkter äußerer Dramatik willen stellenweise über den Werkstil hinweg.

Plautus, der folgenreiche Komödiendichter, hat seinen Platz in der Literaturgeschichte eingenommen; in der Theaterpraxis aber ist er nur noch ein Name. Das ließe sich ändern. Für Hannes Razum bildete die neue Übersetzung von Ernst Raimund Leander den Grundstoff, aus dem er den plautinischen „Goldtopf“ für die Bühne von heute gewonnen hat. Razum redigierte die Übersetzung mit dem Ohr des Regisseurs; außerdem erweiterte er die Handlung um etwa ein Viertel.

Plautus hatte alles Licht auf die Hauptperson, einen Geizhals, konzentriert, der aus Angst um einen heimlichen Goldschatz nicht ruhig leben kann. Razum entwickelte einige Nebenpersonen derart, daß „Der Goldtopf“ das Gleichgewicht einer Moliereschen Charakterkomödie bekam. Der Zuschauer wird nun nicht mehr allein mit derben Späßen unterhalten.