Von Hans Wenke

Als Theodor Litt sein 75. Lebensjahr durchschritt, schrieb er in einer Betrachtung, die er „Lob des Alters“ nannte: „Gelobt zu werden verdient das Alter nicht als eine Gabe, die uns fertig in den Schoß fiele und lediglich genossen zu werden brauchte. Ob und wie weit es gelobt zu werden verdient, das bestimmt sich danach, was der für sich verantwortliche Mensch aus dieser Gabe zu machen weiß. Die Gunst, die er erfährt, wenn er ohne Schwächung des Geistes in hohe Jahre gelangt, ist das Angebot einer Möglichkeit, die so gut verscherzt und ausgeschlagen, wie angenommen und fruchtbar gemacht werden kann.“ Diese Worte sind das Spiegelbild seines Lebens und seiner persönlichen Erfahrungen. Er hat „die Möglichkeit angenommen und fruchtbar gemacht“ – seit jeher und auch in diesen Tagen, in denen er sein 80. Lebensjahr vollendet. Seine Begabung und seine geistige Kraft haben es ihm wohl auch erleichtert, dem Reichtum der Kultur in erstaunlicher Breite zu begegnen. Die Beziehung zwischen „Mensch und Welt“, die er unter diesem Titel in einem seiner philosophischen Hauptwerke beschrieben hat, wußte er sich mit Energie und Umsicht selbst zu schaffen: Kraftvolle Entfaltung der Individualität und Weltoffenheit sind für ihn nur zwei Seiten derselben Sache. Das gestattet ihm, Tendenzen der Lebensgestaltung miteinander glücklich zu vereinen, die, wie wir beobachten, oft genug in unversöhnlichem Streit liegen: in engster Fühlung mit der Zeit und ihren Wandlungen zu bleiben und in jedem Augenblick auch in verantwortungsbewußter kritischer Erkenntnis die Distanz zu wahren und sich auch gegen die Zeitströmungen zu stellen.

Diese souveräne Haltung hat ihn von den frühesten Stadien seines Lebens an bestimmt, dessen Verlauf kurz skizziert sei: Nach dem Studium der klassischen Philologie an der Universität Bonn war er vierzehn Jahre als Gymnasiallehrer tätig, ehe er in die akademische Laufbahn überging. Er hat seine Wirksamkeit in beiden Bereichen immer als eine Einheit gesehen, und sein Bewußtsein dieser Kontinuität hat mehr als einmal die Klärung von Erziehungs- und Bildungsfragen gefördert, die Schule und Universität zugleich betreffen. 1919 wurde er außerordentlicher Professor in Bonn, ein Jahr danach folgte er einem Ruf auf das Ordinariat für Philosophie und Pädagogik an der Universität Leipzig als Nachfolger von Eduard Spranger. Nach Zusammenstößen mit der nationalsozialistischen Partei wurde er auf eigenen Antrag im Jahre 1937 emeritiert und erhielt 1941 Vortragsverbot. 1945 kehrte er in sein Leipziger Lehramt zurück, geriet abermals mit der totalitären Macht in anderer Gestalt in Konflikt und verließ Leipzig; er folgte einem Ruf an die Universität Bonn, er kehrte also an die Hochschule zurück, von der er siebenundzwanzig Jahre zuvor ausgegangen war, der er seitdem angehört, wobei seine Emeritierung im Jahre 1952 keinen Einschnitt in seine Wirksamkeit bedeutet, die zum gleichen Zeitpunkt ihre höchste Anerkennung in seiner Wahl zum Mitglied des Ordens Pour le Mérite für Wissenschaften und Kunst gefunden hat. Doch ist dieser Kreislauf, diese Rückkehr zur Stätte der Anfänge, keineswegs das Symbol eines vorbedachten, in sich gerundeten Lebensganges; die nüchterne Chronik deutete bereits die Verwicklungen und gewaltsamen Einwirkungen an. Die Kraft seiner Bewährung in solchen Situationen hat einmal Eduard Spranger – sein eng befreundeter Weggenosse seit vier Jahrzehnten – in einem Rückblick gewürdigt, der zugleich das Charakterbild und die Geistesart von Theodor Litt zeichnet und aus dem ich einige Sätze auswähle und nebeneinanderstelle: „Sie haben in dem oft unheimlichen Strudel unserer Zeiten unerschüttert wie ein Felsblock gestanden. Zweimal sind Sie freiwillig von Ihrem akademischen Lehramt zurückgetreten, um Ihren grundlegenden sittlichen Überzeugungen treu bleiben zu können. Umbrandet von der ratlosen Problematik Ihrer Epoche haben Sie sich niemals von einer Strömung einfach mitreißen lassen. Unermüdlich haben Sie gegen den bloßen Modeunfug Ihre Stimme erhoben: in der Philosophie, in der Pädagogik, in allen wesentlichen Angelegenheiten unserer Kulturarbeit.“

In den letzten Worten werden den Gebieten der Philosophie und der Pädagogik die „wesentlichen Angelegenheiten der Kulturarbeit“ hinzugefügt. Damit ist angedeutet, daß Theodor Litts Denken die hergebrachte Einteilung der Disziplinen sprengt und überschreitet und ihnen, genau gesehen, überhaupt nicht zugeordnet werden kann. Deshalb möchte ich sagen: sein Werk in Wort und Schrift ist mehr als die Pflege von zwei Fachgebieten, es dient der kritischen Erhellung unserer Kultur in Vergangenheit und Gegenwart unter den beiden Aspekten der philosophischen Erkenntnis und der menschlichen Bildung.

Eine solche Blickeinstellung hat, zum Beispiel, für die Erziehung zur Folge, daß ihre Fragen nur zu erfassen und – was am wichtigsten ist – zu lösen sind, wenn man sie den größeren geistigen Zusammenhängen der Philosophie und der Geschichte einordnet. Für die Autonomie des Erziehers, das heißt, für seine Selbständigkeit und eigene Verantwortung, hat Theodor Litt immer lebhaft und mit guten Gründen gestritten, und in seiner Persönlichkeit hat er hierfür ein großes Vorbild aufgerichtet und damit das überzeugendste Argument beigebracht; aber die Autonomie der Pädagogik hat er nicht in gleicher Weise zu seiner Sache gemacht. Er hat sehr wohl die Eigenständigkeit der pädagogischen Fragestellungen gewürdigt (bereits in einer vielbeachteten Abhandlung über das Wesen des pädagogischen Denkens aus dem Jahre 1921), aber er hat auch immer die Gefahr gesehen, daß die Isolierung der pädagogischen Überlegungen und Untersuchungen zur Verarmung des Problembereichs führt. Denn Erziehung wird denaturiert, wenn man sie – auch nur in einem Gedankenexperiment zur schärferen Beobachtung – aus ihren Zusammenhängen herauslösen will. Sie ist ein Vorgang, der an die seelisch-geistige Entwicklung des Menschen ebenso wie an den vielschichtigen Bestand der Kultur gebunden ist. Dabei hat keines der beiden Bereiche einen Vorrang; es kann nur situationsbedingte wechselnde Akzentsetzung geben. Jede grundsätzliche Bevorzugung der einen Seite unter Zurücksetzung der anderen macht zwar für eine Weile die pädagogische Praxis leichter, möglicherweise sogar erfolgreicher, aber sie verliert Aufgabe und Wesen der Erziehung aus dem Auge, die Theodor Litt in seiner Schrift „Führen oder Wachsenlassen“, die er „eine Erörterung des pädagogischen Grundproblems“ nennt, so beschrieben hat: „Der Erzieher ist in seinem Tun einerseits Anwalt und Vertreter des objektiven Geistes, zu dessen Höhe das junge Geschlecht emporgehoben werden soll, andrerseits Anwalt der Seele, die dieser Höhe zustrebt. Nicht von einer Seite her also, von der vorgeblichen ‚Natur‘ des Zöglings, sondern nur aus der Begegnung zweier gleichberechtigter Gewalten läßt sich Sinn und Recht der erzieherischen Initiative bestimmen; sie waltet als Mittlerin zwischen zwei Parteien, die aus eigener Kraft nicht zueinander kommen können und doch aufeinander angewiesen sind.“

So, wie er es hier beschreibt, hat er stets selbst gewirkt, und so hat sich mir das Bild ergeben, das ich aus persönlichen Begegnungen in großen Abständen immer wieder gewonnen habe. An zwei zeitlich weit auseinanderliegenden Begebenheiten will ich das verdeutlichen:

Während meiner Studienzeit in Berlin zwischen den Jahren 1921 und 1926 hatte ich eine solche erste, allerdings einseitige Begegnung mit Theodor Litt: Ich hörte einen Vortrag, genauer muß ich wohl sagen: ich hörte ihn in einem philosophischen Vortrag. Ich meinte, innerlich nicht ganz unvorbereitet zu sein; ich kannte einige seiner Schriften und brachte seinen Gedanken spontanes Interesse entgegen; kurz vorher hatte mir Eduard Spranger beiläufig ohne nähere Erklärung gesagt, daß ich den besten akademischen Redner hören würde, den Deutschland habe. Das nahm ich achtungsvoll, aber verwundert auf. Ich hatte gerade den Versuch gemacht, in sein eben erschienenes Buch über „Erkenntnis und Leben“ einzudringen. Ich konnte aber der Diktion der Schrift keinen Hinweis auf den in Aussicht gestellten geistigen Genuß entnehmen. Die Mühe des Studenten verdunkelte offenbar die Sicht für die formale Kunst der Darstellung, wie ich es heute rückschauend deute. Der Hinweis aber erhöhte meine Spannung und jugendliche Sensationslust, und tatsächlich: ich hatte diese souveräne und lebendige Beherrschung des Wortes, diese kraftvolle Konzentration der Gedanken, zugleich diese Klarheit und Übersichtlichkeit der Argumente in völlig freier Rede ohne eine hilfreiche Notiz noch nicht erlebt.