H. W., Flensburg

Fellinis „süßes Leben“ hat viele Nachahmer gefunden. Im Film und im Leben. Manchenorts wurde getuschelt, und an den Stammtischen wurden hinter der vorgehaltenen Hand Geschichten erzählt, Geschichten ...

Auch der 31jährige Flensburger Maschinenbauer Alwin – ein flotter junger Mann – hörte so einiges munkeln. Und was er hier und dort an Gesprächsfetzen aufschnappte, das brachte ihn auf eine Idee. Alwin, ein Mann rascher Entschlüsse, ging zu einer Flensburger Wochenzeitung und sagte, er wisse etwas vom süßen Leben. Nicht von jenem, das Fellini geschildert habe, sondern von jenem, das sich in der alten, gutbürgerlichen Grenzstadt abspiele. Es gebe da ein Haus, erzählte Alwin. Er selber sei Gast dort gewesen. Auf ein verabredetes Klingelzeichen hin sei er eingelassen worden. Geschichten könne er erzählen ...

Der verantwortliche Redakteur der Wochenzeitung konfrontierte ihn mit der Kriminalpolizei. Diese wiederum mit der Staatsanwaltschaft. Inzwischen war aus Alwins Andeutungen ein filmgerechtes Drehbuch mit allen Einzelheiten geworden: Von der teppichbelegten Treppe bis zur dicken Brieftasche, vom Mercedes bis zu jungen und hübschen Call-Girls fehlte nichts. Und der Maschinenbauer, nun plötzlich in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gerückt, erklärte sich bereit, seine Aussagen zu beschwören.

Die Kriminalpolizei legte eine Akte an, Titel „Call-Girl-Ring“. Und sie begann, das Haus zu beobachten. Dabei fiel ihr einiges auf. Der Eingang zum Beispiel, den Alwin benutzt haben wollte, war unbenutzbar. Dort, wo eine Klingel sein sollte, war keine. Wo ein Teppich die Schritte auf der Treppe unhörbar machen sollte, gab es nur nackte, kahle Treppenstufen, der Empfangsraum mit Sesseln und Couch war in Wirklichkeit ein mit wenigen Möbeln ausgestatteter Flur, und die Bewohner des Hauses schließlich paßten ganz und gar nicht zu den Schilderungen des Maschinenbauers.

Alwin wurde ins Kreuzverhör genommen. Inzwischen war der Artikel geschrieben, gesetzt und lag für den Umbruch bereit. Der Redakteur, dessen Wochenblatt in Kiel gedruckt wurde, stand schon am Umbruchtisch, als er aus Flensburg angerufen wurde. Ein Staatsanwalt eröffnete ihm, daß die Geschichte vom süßen Leben geplatzt sei. Der „Lieferant“ habe alles erfunden. Der Redakteur warf den Artikel in den Papierkorb, der Maschinenbauer wanderte in Untersuchungshaft.

Alwin stand jetzt wegen Verleumdung und Vortäuschung einer Straftat vor dem Richter. Dieser aber war im italienischen Film mindestens ebenso bewandert wie der Angeklagte. Von Alwins „süßem Leben“, so meinte er, sei nur „bitterer Reis“ übriggeblieben. Das Urteil gegen den Maschinenbauer lautete auf sechs Monate Gefängnis. Ohne Bewährung.