Von Sigfrid Dinser

Paris, Mitte Dezember

General de Gaulle trägt keine Panzerweste unterm Rock. Er verfügt über bessere Schutzmittel: Er hat großen Mut – aber auch eine politische Polizei, deren Diskretion gerühmt wird und die dennoch stets gut informiert ist. Im übrigen weiß er, der Mutige, daß seine Feinde Angst vor ihrer eigenen Courage haben. Und so sind denn vorerst die Pläne der Rechtsverschwörer gegen de Gaulle gescheitert.

Nichts hat geklappt. Weder in Algerien noch im Mutterland hat die Armee für sie Partei ergriffen. Fast scheint es, man könne daraus den Schluß ziehen, daß die große französische Armee heute hinter de Gaulle und seiner Politik steht. Aber die Armee steht weder da noch dort. Sie ist nicht bereit, für irgend jemanden oder für irgendeine Aktion Partei zu nehmen. Sie ist neutral. Sie ist weder für de Gaulle noch gegen ihn. Manche sagen: „Die Armee ist gehorsam!“ Andere erwidern: „Neutralität darf man nicht Gehorsam nennen!“

Als sich in den Tagen des 13. Mai 1958 eine Gruppe von Obersten und Generalen mit ihren Fallschirmjäger-Einheiten an die Spitze der Rebellion gegen Paris setzten, hat sich zwar „die“ Armee innerhalb weniger Stunden mit ihnen solidarisch erklärt. Aber als es jetzt, in den ersten Tagen des Dezember hieß, „die“ Armee werde im Namen von „Algérie française“ in Algerien die Macht ergreifen, da hielt sie de Gaulle die Treue. Und dennoch lehnte sie es ab, sich de Gaulle zu „unterwerfen“.

Oberst Dufour, Kommandeur des Ersten Fremdenlegionärs-Fallschirmjägerregiments, ist bisher der einzige Offizier in Algerien geblieben, der im Zusammenhang mit dem gescheiterten Putsch gemaßregelt wurde. Aber nicht die Armee selber hat ihn verhaftet, sondern die dem Pariser Innenministerium unterstellte Polizei; sogar unter Gewaltanwendung hat sie ihn nach Paris gebracht und in die Festung verfrachtet. Dufour ist der einzige, dessen Name offiziell genannt wurde. Immerhin fiel auf, daß es kein Dementi für die Behauptung gab, eine Reihe von Fallschirmjäger-Offizieren habe sich ohne Befehl an der Spitze ihrer Mannschaften sofort, nachdem es in Algier „losgegangen“ war, in Richtung Hauptstadt in Bewegung gesetzt.

Es liegt offensichtlich im Interesse de Gaulles, heute noch nicht die für ihn so glücklich abgelaufene Dezember-Affäre, nämlich den Fehlschlag des Aufstandes einiger Offiziere, in aller Öffentlichkeit aufzuklären.