München, im Dezember

Konsul Otto Bernheimer, der berühmte Kunsthändler und Sammler, hat seit seiner Heimkehraus der Emigration nicht nur den Ruf seines Hauses schnell in altem Glänze wiederhergestellt; er hat als energischer Vorkämpfer für die von Jahr zu Jahr erfolgreichere „Deutsche Kunst- und Antiquitätenmesse“ seiner Heimatstadt München neues Gewicht im internationalen Kunsthandel verschafft. Und er hat es fertiggebracht, noch nach seinem Tode diesen Bemühungen die Krone aufzusetzen: Die Versteigerung seiner Privatsammlung wurde zu einem Ereignis, das mit einem Schlage München in die erste Reihe der deutschen Auktionsstädte rückte.

Zwei Tage dauerte die Auktion der Sammlung Bernheimer durch das Münchener Kunstversteigerungshaus Weinmüller und unter der souveränen Leitung Rudolf Neumeisters. Es waren überaus lebhafte Beteiligung zu verzeichnen, gespannte Angebotsfreude und aufsehenerregende Preissteigerungen. Insgesamt erbrachte die Auktion über zwei Millionen Mark. Drei Motive mögen dieses Ergebnis bewirkt haben: Die zahlreichen Freunde und Verehrer des Konsuls mögen den Besitz eines Erinnerungsstückes aus seiner Sammlung beinahe als Pietätspflicht angesehen haben; sodann aber lockte die Quali tät der Sammlung selbst und ihr Reichtum an wertvollen Stücken, aber auch an Kuriositäten. Schließlich scheint sich auch bei vielen neubegüterten Privatliebhabern von Antiquitäten wieder ein anspruchsvoller Geschmack durchzusetzen und ein stärkerer Wille, sich an beglaubigte Kenner zu halten.

Für die entscheidende Bedeutung des ersten Motivs spricht, daß Münchener Kunsthändler und Sammler vielfach alle Gebote bis zum Zuschlag übertrumpften, obwohl hier die internationale Auktionsprominenz mit Namen wie Monsieur Michon, Monsieur Meier, Charles Ratton (Paris), Henry Heilbronner (Luzern), Mr. Mayer (London) und vielen gleichwertigen vertreten war.

Eines der besonderen Kennzeichen dieser Versteigerung war die geringe Anzahl der Zurückstellungen wegen mangelnden oder zu – geringen Angebots: Es waren nicht einmal drei von hundert Stücken, die keinen neuen Besitzer fanden. Um so häufiger folgte auf anfängliches Schweigen nach allzu niedrigem Gebot eine längere Steigerungsfolge, an deren Ende bisweilen zu einem Preise zugeschlagen wurde, den verärgerte Überbotene als „lächerlich“ bezeichneten und einer „ausgesprochenen Auktionspsychose“ zuschrieben. Das Tempo der Steigerungen war oft atemberaubend. Verhältnismäßig wenige Stücke blieben unter dem Schätzpreis.

Dagegen waren Überbietungen des Schätzpreises um das Mehrfache nichts Seltenes. So stieg eine ägyptisch-ptolemäische Bronze-Kleinplastik („Kleine Katze“) vom Schätzpreis 30 Mark auf 360 Mark, eine andere Kleinplastik desselben Kulturkreises von 30 auf 220 Mark, ein römisches kleines Reh aus dem 1. bis 2. Jahrhundert von 70 auf 400 Mark, ein westdeutscher „Christus als Weltenrichter“ aus dem 12. Jahrhundert von 400 auf 1600 Mark, weiter Kleinplastiken von 200 auf 1500, von 600 auf 3300, von 350 auf 1150 Mark und so fort. Ein lothringisches Aquamanile – ein Gießgefäß – aus dem 12. Jahrhundert in Gestalt eines Bronzevogels, das früher dem Bayerischen Nationalmuseum gehört hatte, konnte von dessen Vertreter nicht zurückerworben werden; es ging, auf 5000 geschätzt, für 25 000 Mark in den Besitz des Stuttgarter Landesmuseums über. Die Krümme eines französischen Bischofsstabes aus dem 14. Jahrhundert stieg von 3000 auf 13 000 Mark.

Erstaunliche Steigerungen gab es auch beim Schmuck. Ein Bergkristall-Anhänger aus dem 19. Jahrhundert kam von 30 auf 850 Mark, ein anderes Schmuckstück aus dem 17. Jahrhundert von 100 auf 1300 Mark. Besonderes Interesse fanden bayerische und österreichische religiöse Holzplastiken, weniger des Hoch- als des Frühbarocks, der Renaissance und des ausgehenden Mittelalters. Ein Heiliger Georg, in Bayern um 1470 entstanden, kam vom Schätzwert 5000 auf 12 500 Mark, ein Salzburger Apostel (1420) von 12 000 auf 20 500 Mark, ein Lindenholzrelief aus der Riemenschneider-Schule, die zwölf Apostel darstellend, von 15 000 auf 29 000 Mark.