In Moskau fand zu Beginn dieses Monats die sechste Pugwash-Konferenz statt, an der Naturwissenschaftler aus Ost und West nebst einigen Soziologen, Juristen, Historikern und Wirtschaftlern teilnahmen. An dem nichtöffentlichen Gespräch, das vor allem der Frage der Rüstungskontrolle galt, beteiligten sich 75 Männer aus 14 Ländern. Unter den vier Deutschen war neben dem Hannoveraner Prof. Burkhardt auch Dr. Eckart Heimendahl, ein Assistent von Prof. Carl Friedrich von Weizsäcker. Er gibt hier seine Eindrücke von dem Moskauer Treffen wieder, das die amerikanischen Teilnehmer zu dem Schluß führte, Chruschtschow sei sehr daran gelegen, im kommenden Jahr vernünftige Abrüstungsgespräche mit dem neuen Präsidenten Kennedy zu führen.

Die Amerikaner hatten vierundzwanzig Wissenschaftler nach Moskau geschickt. Zwar beteiligten sich auch acht Briten, darunter der Friedens-Nobelpreisträger Noel-Baker, und fünf Rot-Chinesen an diesem Gespräch, das seinen Namen von einem Ort in Kanada hat, wo der amerikanische Industrielle Cyrus L. Eaton das erste dieser Treffen organisierte. Auch vier Deutsche, ost-west-symmetrisch verteilt, waren zugegen. Aber die Diskussion war doch beherrscht von dem großen Dialog zwischen den Amerikanern und ihren einundzwanzig russischen Kollegen.

In der Öffentlichkeit sind Männer wie Leo Szilard, der maßgeblich an der Entwicklung der ersten US-Atombombe mitarbeitete, oder der sowjetische Flugzeugkonstrukteur Tupolew gut bekannt. Die wichtigeren Leute waren diesmal freilich die relativ unbekannten Amerikaner: Professor Jerome Wiesner (Massachusetts Institute of Technology), der als Kennedys Abrüstungsberater gilt; Thomas C. Schelling von Harvard, Verfasser einer „Spieltheorie“ der Strategie; ferner als Beobachter Walt W. Rostow (ebenfalls M. I. T.) dem unter Kennedy ein hoher Posten im Außenministerium winkt. Neben ihnen Doty, Feld, Sohn, Brown aus Kalifornien, Grodzins aus Chikago – diese Mannschaft junger, sorgfältig vorbereiteter Experten, die fundierte Ausarbeitungen vorlegten, bestritt mit präziser Sachlichkeit den größten Teil des Gesprächs über die Details einer zeitlich und waffentechnisch abgestuften kontrollierten Abrüstung mit den viel älteren und berühmteren Sowjets: Igor Tamm oder Peter Kapitza; Emeljanow und Isakow, dem von den Genfer Verhandlungen bekannten Fedorow, ferner Talensky, Toptschiew und Chwostrow.

Man sagt derlei Konferenzen leicht nach, daß dort kosmopolitische Verständigung betrieben, die realpolitischen und ideologischen Differenzen aber außer acht gelassen werde; daß man mit naturwissenschaftlicher Naivität den politischen Frieden durch Verständigung der Wissenschaftler suche. Manche meinen sogar, die Wissenschaftler maßten sich dort an, die Politiker zu ersetzen, und sie hätten in Moskau vor allem über die Frage diskutiert, was sie tun könnten, um einen Krieg zu vermeiden. Nichts davon ist wahr. Dies war keine Fellow-Traveller- Versammlung von Entspannungswissenschaftlern.

In Moskau rangen Wissenschaftler aus zwei Welten zäh und leidenschaftlich miteinander, und es ging nicht ohne dramatische Höhepunkte ab. Oft fühlte man sich mitten in die Kontroversen der UN-Expertenkonferenzen versetzt. Aber wieviel größer war hier der Diskussionsspielraum! Sicher lag die Spannung auch in dieser Konferenz zwischen Abrüstungsverfahren und Inspektion. Aber es war eine fruchtbare Spannung. Die Amerikaner verstanden es gut, ihre russischen Kollegen tief in die praktischen Schritte der kontrollierten Abrüstungstechnik zu verwickeln, und da sie nach mühevollen Vorstößen mitgingen, kam es zu einem sehr elastischen Gespräch. Versteht sich, daß die Chinesen manchmal sorgenvolle Gesichter machten ...

„Furcht und Mißtrauen sind nicht eigentlich durch das begründet, was wir vom anderen wissen, sondern durch das, was wir nicht wissen“, erklärte Professor Doty zu Beginn der Konferenz, als er die amerikanischen Ansichten zur Abrüstung vortrug. Damit beschrieb er zugleich den Sinn des ganzen Treffens. Noch nie ist der amerikanische Standpunkt zur Abrüstung den Sowjets so erfolgreich dargelegt worden.

In einer Konferenz, gefüllt mit Daten und Material über Fragen der Versuchseinstellung, Überraschungsangriffe, technische Probleme der Inspektion, über den Stand der Abschreckungswaffen und Sicherheitspläne, über zukünftige Aufgaben für die Wissenschaftler und ihre Zusammenarbeit waren politische Einlagen nur Episoden. Bei aller Ungewißheit über die zukünftige sowjetische Politik und die faktische Rolle ihrer Wissenschaftler, sie zu beeinflussen, hatte ich doch den Eindruck, daß sich die Russen weidlich angestrengt haben, auf die in Genf üblichen Allgemeinplätze politischer Propagandatechnik zu verzichten.