Von Hugo Kuhn

In der ZEIT Nr. 48 hatten wir, unter dem Titel „Wessen Sünden?“, dazu Stellung genommen, daß eine vom Bayerischen Kultusministerium eingerichtete Planstelle für „lebende Literatur“ an der Universität München nicht mit dankbarer Freude angenommen, sondern von dem in erster Linie zuständigen Mann, dem amtierenden Ordinarius Professor Dr. Hermann Kunisch, abgelehnt wurde. Münchener Studenten aus Professor Kunischs Seminar (sogenannte Fachschaftsvertreter) protestierten gegen unsere Glosse; Münchener Studenten, die im Rahmen des Allgemeinen Studentenausschusses für die „Information“ ihrer Kommilitonen zuständig sind, druckten sie – wohl eher zustimmend als ablehnend – in ihr Mitteilungsblatt. Statt vieler Briefe, die uns erreichten, bringen wir hier eine Stellungnahme des neben Professor Dr. Kunisch, in der „älteren Abteilung“ der Germanistik, amtierenden Münchener Ordinarius’ Professor Dr. Hugo Kuhn. Es erschien uns am richtigsten: diese Stellungnahme an gleicher Stelle wie jene Glosse zu bringen, als „Feuilleton-Spitze“ also – und nicht ein Komma daran zu ändern.

Unsere Nachkriegs-Dichter und -Schriftsteller samt eingeweihtem Publikum haben schon recht, wenn sie der Theorie, der Poetik der „Moderne“ ebensoviel, ja mehr Bedeutung beimessen als ihrer Gestaltung. Sie setzen damit nur das Tüpfel aufs i, machen den letzten Schritt in der weltliterarischen Revolution der „Moderne“. Diese hatte erstens den Umfang von „Literatur“, der seit den griechischen Alexandrinern bis zur Jenaer „Allgemeinen Literatur“-Zeitung galt, im 19. Jahrhundert aber verloren war, wiederherzustellen: den Umfang und den gemeinsamen humanen Anspruch der „Wissenschaften und schönen Künste“, der Septem artes liberales, der in den meisten westlichen Ländern sozial noch bis heute spürbar ist und nur in Deutschland soziologisch zerfiel. Allerdings gelang der „Moderne“ zweitens diese kühne Revolution nur esoterisch, durch fortschreitende Intellektualisierung und Abstraktion der künstlerischen Mittel – wiederum aus welthistorischen Gründen, die hier nicht zur Debatte stehen.

Im Jahr des deutschen Heils 1960 aber spitzen sich die theoretischen Ansprüche – die bei uns reichlich verspäteten, aber, noch einmal, berechtigten Ansprüche – der literarischen „Moderne“ zu Debatten und Polemiken zu, die jeden Einsichtigen grausen müßten. Da wird ein Gegensatz konstruiert von „Schul“-Literaturwissenschaft einerseits und „fortschrittlicher“ Dichter-Poetik andererseits, samt den nötigen Proselyten auf beiden Seiten, vor den Augen eines staunenden, weil in keiner Weise im Bilde befindlichen Publikums.

Gibt es bei uns noch einen „Moderne“-feindlichen Literaturhistoriker? Wir alle sind doch in den gleichen Jahren aufgewachsen wie unsere „modernen“ Poeten und Poetiker, haben wie sie unsere Cézannes, unsere Hindemith- und Schönberg-Schauer erlebt, unsere „Du mußt dein Leben ändern“-Götter verehrt, was wir, wie sie, heute unter einer fixeren Manier schamvoll verstecken. Wir alle sind, soweit fortschrittlich, voll „Moderne“ bis in die Knochen. Wir sind wie die schon von Meier-Graefe apostrophierten Museumsdirektoren, die gestern die Regenschirme gegen Impressionisten zückten und heute „auf Zukunft“ kaufen. Das schlechte Gewissen vor dem Dichter, schwelende Erbschaft der Genie-Epoche, aber nicht einmal in Deutschland von den Vernünftigen bislang ernst genommen, hat die Literaturgeschichte überwältigt, seit und soweit die „Moderne“ im fortschrittlichen öffentlichen Bewußtsein siegte – mit Recht siegte, obwohl, wie wir wissen sollten, weit mehr als die Hälfte der Menschheit sie bis heute nicht verdaut hat. Die „Kunst“ der Interpretation um jeden Preis, „das reine Wort des Dichters“, das unverbindliche Getümmel der Strukturalisten haben die Verantwortung des wissenschaftlichen Literarhistorikers – wissenschaftlich und Historiker, im „modernsten“ Sinn, was es durchaus gibt, wie heute schon die Taschenbücher bezeugen – in einem Maß übertölpelt, das heute jedem Einsichtigen klar ist. Namen zu nennen wäre taktlos.

Irgendwelche Kritik der Literaturgeschichte vom Grund des modernen Dichters aus habe ich noch nicht gedruckt gesehen – meine Schuld vielleicht! – wohl aber in guten Gesprächen erlebt. Was aber in der gegenwärtigen Polemik als Dichter-Poetik angeboten wird, ist im großen ganzen ein dilettantischer Aufguß jener literaturwissenschaftlichen Knochenerweichung, die in Wahrheit bereits von gestern ist!

Was ich öfter erlebt habe (obwohl nur ein Mediävist), ist eine Sucht, ja Süchtigkeit bei unseren Nachkriegs-Dichtern, sich „auch“ literaturwissenschaftlich interpretiert zu sehen. Sie ist nicht von Übel, solange der uralte Geschlechterkampf zwischen produktiver Dichtung und kategorial erkennender historischer Vernunft wirklich gekämpft wird – in den Institutionen wie in der Brust jedes einzelnen Beteiligten. Aber eine „künstlerische“ Dichtungs-Wissenschaft und eine„wissenschaftliche“ Dichter-Poetik – beide leicht zu belegen, was wiederum taktlos wäre – beide sind Formen einer Selbstbefriedigung, die man als Symptom von Unreife und Lebensangst verzeihen mag, nie jedoch als eine normale, reife und fruchtbare Beziehung zwischen der unserer Welt verantwortlichen Dichtung und der unserer Erkenntnis ebenso verantwortlichen Wissenschaft nehmen darf. Daß in beiden Bereichen auch mit Wasser gekocht wird– wen kümmert’s als nur die Beckmesser unserer Zeit?

Worauf ich hinauswill: Ich habe nichts gegen „moderne“ Dichterpoetik, die zur Durchsetzung leutiger Erkenntnisse bei einem oft noch, diskontinuierlich, gestrigen Publikum, samt vielen Dichterkollegen, unbedingt nötig ist. Ich habe auch nichts gegen Lehraufträge und Lektorate dieses Inhalts an den Universitäten – jeder Appell in die Intelligenz und die Zeitgemäßheit unserer Studenten muß heute, weiß Gott, wahrgenommen werden. Wogegen ich alles habe, ist einerseits ein Preisgeben des Anspruchs wissenschaftlicher Erkenntnis von Seiten der Universität – so schlecht und recht wir ihn auch erfüllen mögen! – und andererseits eine Berufung von Dichtern, Literaten und Literaturkritikern auf das „Schöpferische“, auf Techniken der „Mache“ und Intuition und Modernität, wo sie in der Sache viel mehr zu verteidigen hätten, nämlich die „literarischen“ und zeitgemäßen Weltaspekte der inzwischen schon klassischen „Moderne“, die in der Diskontinuität unserer „Modernismen“ tragisch unterzugehen drohen, wo sie in der Methode aber, anstatt sich auf morgen zu berufen, eine gestrige Literaturwissenschaft als den letzten Schrei präsentieren. Laßt uns gegenseitig sein, wer wir sind, laßt uns endlich einmal kämpfen in Liebe – das Ende wäre immer noch eher Reife und Fruchtbarkeit.