Von Theo Sommer

Stuttgart, im Dezember

Die Politik des West-Rüstens muß beendet werden!“ Karl Graf von Westphalen zu Fürstenberg, ob des enthüllenden Lapsus’ einen Augenblick lang konsterniert, hielt in seiner Suada inne und verbesserte sich rasch: „Die Politik des Wettrüstens muß beendet werden!“

Während der Graf seinen sorgsam vorbereiteten Text ablas, in dem er die Notwendigkeit einer neuen politischen Sammlungspartei „für Frieden und Entspannung gegen Rüstung und Krieg“ zu begründen versuchte, surrte die Kamera des sowjetzonalen Fernsehens. Der 62jährige, der sich wegen der Wiederbewaffnung mit seinen einstigen Freunden von der CDU zerstritten und danach den konservativen Deutschen Klub 1954 gegründet hatte, wirkte blaß im Licht der grellen Pankower Jupiterlampe. Aber er, der für die neutralistischen „Blätter für deutsche und internationale Politik“ verantwortlich ist, scheute die rote Publicity nicht.

„Die Mehrheit der deutschen Bevölkerung hat sich nicht abgefunden mit der gegenwärtigen Politik“, rief er in das Mikrophon des Ostfernsehens, das ihm der Reporter jedesmal beflissen entgegenstreckte, wenn er zu einem Kernsatz anhob. „Das Volk wünscht Wohlstand, der Kanzler verlangt Opfer im Interesse der Rüstung; das Volk will Freiheit und Demokratie, die Regierung verleugnet sie.“ Der Korrespondent des SED-Blattes Neues Deutschland und seine zwei Kollegen von der rotchinesischen Nachrichtenagentur Hsinhua machten sich eifrig Notizen: „Eine neue konstruktive Deutschlandpolitik kann nicht zum Tragen kommen, wenn die Gegner Adenauers nicht zusammenstehen oder gar gegeneinander arbeiten!“

Die Gegner Adenauers zusammenzufassen, all die Splittergrüppchen, Sekten und Spintisierer von ganz links und einige auch von ganz rechts – das soll die Aufgabe der Deutschen Friedensunion (DFU) sein, die am vergangenen Sonnabend im Stuttgarter Höhenrestaurant Schönblick gegründet wurde. Die Gesellschaft geladener Teilnehmer, die sich dazu eingefunden hatte, war so kunterbunt wie das scheckige Mosaik „Europa auf dem Stier“, das die eine Wand des Europa-Saals ziert, wo der Gründungskongreß, über die lorbeergeschmückte Bühne ging.

Da saßen an langen Tischreihen etwa 400 Menschen; Leute, die aussahen wie leibhaftige Karikaturen ostelbischer Junker, und andere, die wie Bilderbuchexemplare von Gewerkschaftsführern wirkten. Männer, Frauen, auch Jugendliche. Schwarzer Anzug und Silberschlips; saloppe Sportkombination und handgestrickter Jumper – es war alles vertreten. Viele Akademiker im übrigen, ein paar Professoren. Die meisten von jenen, die den „Gründungsaufruf der 158“ unterschrieben hatten, waren zugegen: all die Unterschriftssüchtigen, deren Namenszug unter keinem der vielen Manifeste der heimatlosen Linken fehlen darf. Für Ernst Rowohlt, der für die Union seine letzte politische Unterschrift geleistet hatte, wurde eine Gedenkminute eingelegt.