Von Gerd Bucerius

Nach dem letzten Krieg bekam ein Mann, der an einer politischen Tagung teilnehmen wollte – einem Parteitag der CDU in Recklinghausen – in der ausgebombten Stadt ein Privatquartier zugewiesen. Der Gastgeber, ein städtischer Beamter des "mittleren Dienstes", begrüßte den Gast herzlich, und zwar so, daß man merkte: er hatte einen Katholiken erwartet.

"Nein, ich bin evangelisch", sagte der Gast betont. Kurzes Stutzen, dann ging der Gastgeber mit ausgestreckter Hand auf ihn zu: "Also glauben wir beide an Christus."

Der Gast aus dem "glaubensfernen Norden Deutschlands" schwieg betroffen. Gewiß, Veranstaltungen seiner Partei waren oft mit einem Gottesdienst eröffnet oder geschlossen worden, und beim Tode naher Angehöriger hatte er auf die Feierlichkeit eines Kirchenraumes, auf die Wärme einer Pastorenpredigt nicht verzichtet. Ob er aber wirklich glaubte, daß Christus Gottes Sohn und auf die Erde gesandt sei, die Menschen zu erlösen?

Für ihn und die Millionen anderer kirchensteuernzahlender Taufscheinchristen hat ein protestantischer Pfarrer dieses Buch geschrieben –

Eberhard Stammler: "Protestanten ohne Kirche"; Kreuz-Verlag, Stuttgart; 230 S., 12,80 DM.

Die Leser der evangelischen Zeitschrift "Junge Stimme" kennen den Autor: er ist dort Chefredakteur. Bei der kirchlichen Orthodoxie, aber auch bei den "gutwilligen" Reformern wird er sich mit seinem Buch nicht beliebt machen, weil er nur von den Sünden der Kirche an den "Protestanten ohne Kirche" spricht; aber gerade dadurch macht er eine Auseinandersetzung zwischen der "Kirche" und der Masse der Taufscheinchristen überhaupt möglich.