-er, Leipzig

In allen Städten der Sowjetzone gibt es seit einiger Zeit Schulhorte. Die Zahl dieser Einrichtungen, in der die Kinder – möglichst isoliert von der Außenwelt – zu einer Art Avantgarde der SED heranwachsen sollen, wird sich nach den Plänen der Staatspartei in den nächsten fünf Jahren verzehnfachen. „Allen Kindern Horterziehung!“ lautet die Parole.

In den letzten fünf Jahren hat sich die Anzahl der staatlichen Horte von 2511 auf 5016 erhöht. Gegenwärtig werden in der Sowjetzone 270 000 Kinder zwischen 6 und 15 Jahren von rund 10 000 pädagogischen Funktionären „sozialistisch erzogen“, das heißt jedes 9. Kind in dieser Altersgruppe.

Der Hort von Leipzig-Gohlis gilt als Musterexemplar. Gleich an der Haustür kam mir ein seltsamer Trupp entgegen. Zwölf Buben und Mädchen, zwei als Anführer voran, blaue Pioniertücher um den Hals, einige trugen Holzgewehre und alle zusammen sangen sie: „Laßt die Köpfe rollen, laßt die Köpfe rollen von der Reaktion. Blut muß fließen, Blut muß fließen ...“

Vor dem Haus hielt ein uniformierter Junge mit unbewegtem Gesicht Wache. Er prüfte meine Papiere, führte mich zu einem Pionierleiter. „Bei trockenem Wetter ist alles im Garten“, sagte der. Kommen Sie mit.“

Der Garten sah aus wie der Sandkasten eines Generalstabs. Gräben und Unterstände, Soldaten aus Pappmaché und Kanonen aus Blech. „Batterie Feuer!“ schrie ein Junge. Und ein zweiter: „Auf, auf! Zum Sturmangriff mit blanken Waffen!“

Der Tagesablauf im Hort ist streng geregelt. Eine Fanfare weckt morgens die Kinder. Sie machen sich fertig und treten draußen an. EinThälmann-Pimpf verliest die Tagesparole, zwei andere ziehen die Flagge hoch. Der Pionierleiter dirigiert den Sprechchor: „Wer hat euren Schlaf beschützt?“ Alle: „Der Genosse Walter Ulbricht!“ Der Pionierleiter: „Wer sorgt dafür, daß ihr in Frieden, Freiheit und Wohlstand aufwachsen könnt?“ Alle: „Der Genosse Walter Ulbricht!“