Der Durchschnittsbürger hat ein wachsendes Sparguthaben, aber auch mehr Schulden

Von Kurt Döring

Westdeutschlands Wohlstand wächst. Aber wie wohlhabend sind wir wirklich? Stimmt das äußere Bild? Leben wir nicht vielleicht über unsere Verhältnisse? Mit Statistiken allein ist diese Frage nicht zu beantworten. In einer Folge von drei Artikeln soll versucht werden, ein Bild zu zeichnen, so wie es sich dem kritischen Beobachter heute in der Bundesrepublik bietet.

Der Eindruck bestellt, daß weite Kreise der westdeutschen Bevölkerung einen erstaunlichen Wohlstand erreicht haben. Das Auto ist das Paradepferd dieses Wohlstands. Am 1. Juli 1936 liefen im Bereich des Bundesgebietes 539 000 Personenkraftwagen. Heute sind es 4 Millionen. Allein im ersten Halbjahr 1960 wurden bei uns fast 500 000 Personenautos neu zugelassen. Reichlich die Hälfte wurde von Arbeitnehmern gekauft, von Angestellten und Arbeitern.

Ein anderer Gradmesser unseres Wohlstands sind die Spareinlagen. 1938 betrugen sie im gesamten Reichsgebiet 23 Milliarden Mark. Heute sind in dem viel kleineren Bundesgebiet die Spareinlagen doppelt so hoch. Die Bausparkassen hatten 1938 im Reichsgebiet einen Einlagenbestand von 370 Millionen Mark. Heute sind es zwanzigmal so viel. Zu Zeiten der Börsenhausse hatten die Wertpapierabteilungen von Banken und Sparkassen Mühe, die ungewöhnlich zahlreichen Kaufaufträge zu erfüllen. Viele Bundesbürger begannen ihre Zeitungslektüre nicht mehr bei den Skandalberichten, sondern mit einem nervösen Blick auf den Kurszettel.

Gespräche im Wohnzimmer

Anleihen des Staates und großer Industriefirmen wurden so gut aufgenommen, daß man nur staunen konnte, woher das viele Geld kam für den Erwerb dieser Wertpapiere. Und wer sich um eine neue Wohnung bemüht, der ist immer wieder überrascht, wie zahlreich schnell entschlossene Mieter sind, die Mietvorauszahlungen von fünf-, zehn- und zwölftausend Mark zu zahlen bereit und in der Lage sind, sie bar auf den Tisch zu legen.