In einer kurzen Mitteilung gab die Sowjetpresse dieser Tage bekannt, daß die Plenartagung des Zentralkomitees, die für den 13. Dezember 1960 vorgesehen war, auf Januar 1961 verschoben wird. Die Tagung sollte sich mit der Situation in der sowjetischen Landwirtschaft beschäftigen, so mit der Erfüllung der Landwirtschaftspläne, der Ablieferung landwirtschaftlicher Produkte im Jahre 1960 und der Verkündung neuer landwirtschaftlich-politischer Richtlinien.

Für die Verschiebung der Plenarsitzung des Zentralkomitees – ein ungewöhnlicher Vorgang – wurden keine Gründe angegeben; sie dürfte jedoch auf die Tatsache zurückzuführen sein, daß die internationale Tagung des Weltkommunismus länger dauerte, als ursprünglich in Moskau angenommen worden war.

Bereits seit mehreren Jahren hat es sich eingebürgert, Landwirtschaftsprobleme im Dezember auf Tagungen des Zentralkomitees zu behandeln. Selten aber dürfte eine Landwirtschaftstagung so dringend gewesen sein wie diesmal. Im letzten Jahr hatte die sowjetische Landwirtschaft schwere Rückschläge zu verzeichnen. Vor allem bei der Viehzucht und in den Neulandgebieten sieht die Situation recht ernst aus. Auch einige Grundfragen der sowjetischen Landwirtschaft müssen gelöst werden. Die Beziehungen zwischen Kollektivwirtschaften (Kolchose) und Staatsgütern (Sowchose) sind bis heute noch nicht geklärt.

Der Übergang von der Naturalvergütung zur Bargeldentlohnung in den Kolchosen – eine Lieblingsidee Chruschtschows – ist auf so große Schwierigkeiten gestoßen, daß sie praktisch angestellt wurde. Die zunehmenden Verselbständigungstendenzen der Kolchosvereinigungen und sogar privatwirtschaftlicher Kräfte in der Landwirtschaft stellen die Sowjetführung vor weitere Probleme.

Die fehlende Generallinie in diesen und anderen Fragen der sowjetischen Landwirtschaft ist für die Sowjetunion eine höchst ungewöhnliche Erscheinung. Man darf daher mit Spannung auf die Landwirtschaftstagung des Zentralkomitees im Januar 1961 warten. Dabei ist anzunehmen, daß für die gegenwärtigen Schwierigkeiten ein oder mehrere Sündenböcke gefunden werden. Manche Anzeichen deuten darauf hin, daß Landwirtschaftsminister Wladimir Matzkejwitsch auf dem bevorstehenden Plenum harten Angriffen ausgesetzt sein wird – aber vielleicht nicht nur er allein. W. L.