G. Z., Offenbach

Es ist ein schöner Brauch geworden, daß in Offenbachs Straßen die Menschen sich zu Tausenden drängen, um dieses Schauspiel mitzuerleben.“ So schrieb im Februar letzten Jahres der Oberbürgermeister der Lederstadt, Georg Dietrich, dem Karnevalszug zum Geleit. Mit diesem „schönen Brauch“ wird es freilich in diesem Jahr nichts. Am 6. Dezember saßen Offenbachs Faschings-Manager mit todernsten Gesichtern in einer außerordentlichen Generalversammlung des Karnevalvereins und kamen nach dreistündiger Beratung zu dem Ergebnis: „In diesem Jahr muß der Festzug mangels Masse ausfallen.“ Vereinsvorsitzender Seeger schloß die Sitzung mit den Worten: „Dieser Tag soll in die Karnevalsgeschichte Offenbachs eingehen als einer der traurigsten Tage des Offenbacher Karnevals.“

Schon im vergangenen Jahr hatte es im Gebälk der Dachorganisation der Offenbacher Karnevalsvereine bedenklich geknistert. Man hatte sich dazu entschließen müssen, „das Programm zu straffen“, weil die städtischen Zuschüsse spärlich geflossen waren. Vergeblich hatte man damals die Stadtväter darauf hingewiesen, daß in den letzten Jahren nicht nur das Leben schlechthin, sondern ganz besonders auch das Vergnügen teurer geworden sei. Und am Ende der Saison 1960 standen Offenbachs Narrenvereine mit siebentausend Mark in der Kreide.

Der endgültige Zusammenbruch kam nun jetzt, als die Faschings-Beflissenen erfahren mußten, daß die Stadt sich außerstande sehe, das muntere Treiben in Offenbachs Straßen zu subventionieren. Schuld daran sind die Kommunalwahlen. Pünktlich im August hatte der Karnevalsverein seinen Hilfe-Antrag an den Magistrat gerichtet, wie immer wurden auch Zuschußbeträge in den Haushaltsplan 1961 „eingestellt“, doch der Haushaltsplan ist noch nicht verabschiedet, weil das neue Stadtparlament erst im Oktober gewählt wurde.

Besonders erbittert sind die Offenbacher Karnevalisten darüber, daß in der Sitzung des Haupt- und Finanzausschusses der neuen Stadtverordnetenversammlung nicht einmal die Möglichkeit erörtert wurde, durch eine vorzeitige Bewilligung des Karnevalszuschusses Offenbach vor einem schweren Schicksalsschlag zu bewahren. Dabei hatten die Faschingsveranstalter ständig gemahnt: Die Organisation des Zuges müsse lange vorbereitet werden, und die Gagen für besondere Attraktionen stiegen um so mehr, je näher der Tag des närrischen Treibens heranrücke. Aber offenbar hatte man im Offenbacher Rathaus vor lauter kommunalen Sorgen die karnevalistischen ganz vergessen.

Und so mußte Vereinsvorsitzender Alfred Sieger die außerordentliche Trauersitzung der Karnevalisten erklären: „Nun ist es soweit, daß wir das, was wir unseren Bürgern niemals antun wollten, tun müssen: nämlich den Karnevalszug absagen. Aber wer sieht im derzeitigen Stadium einen anderen Weg?“ Aber die Karnevalisten wolle! nicht aufgeben. Was im Fasching 1961 nicht gelingt, soll 1962 mit Hilfe von freiwilligen Spenden gelingen. „Mit Pfennigen soll kundgetan, mit Silbermünzen unterstrichen und mit Scheinen pioklamiert werden: das alte und über hundert Jahre bestehende Brauchtum, der Offenbacher Karneval, soll und muß erhalten bleiben.“

Die Offenbacher Karnevalisten sind davon überzeugt, daß sie für eine gute Sache kämpfen. Schließlich haben namhafte Fachleute bestätigt, daß der Karnevalszug in Offenbach immer schöner gewesen sei als in Frankfurt.