Von Marion Gräfin Dönhoff

Paris, im Dezember

In den letzten Jahren stand die Dezember-Tagung der NATO stets unter hektischen Vorzeichen: 1958 ging ihr das Berlin-Ultimatum Chruschtschows voraus, 1959 stand die Gipfelkonferenz bevor. In diesem Jahr dagegen war deutlich zu spüren, daß in Washington ein Vakuum besteht und der Herr in Moskau augenblicklich kein spezielles Interesse an Europa nimmt.

Diesmal also überschattete keine akute Sorge die Gegenwart. Und so konnten sich die Teilnehmer endlich einmal Gedanken über die Zukunft machen. Das taten sie denn auch Franz Josef Strauß: „Die NATO war immer zwei bis drei Jahre hinter den Ereignissen her, und die Beschlüsse, die sie faßte, sind nie ganz durchgeführt worden. Jetzt soll zum erstenmal die politisch-strategische Konsequenz aus der Revolutionierung der Waffen gezogen werden.“

Die Verteidigungskonzeption hat viele Wandlungen durchgemacht. Es ist noch nicht solange her, da hieß es in USA drohend: „Wenn die Sowjets irgendwo eine Aggression begehen – egal, ob leicht oder schwer, egal, ob mit konventionellen oder nuklearen Waffen –, dann hagelt es Atombomben (massive retaliation).“ Diese Devise stammt aus der Bewußtseinslage jener frühen Zeit, da der Osten konventionell turmhoch überlegen wir und der Westen das Atom-Monopol besaß. Damals klang solche Drohung recht überzeugend. Auch schien es um der Erhaltung des Friedens willen gerechtfertigt, den konventionell überlegenen Osten mit der atomaren Drohung abzuschrecken.

Als dann auch der Osten in den Besitz von atomaren Sprengkörpern gelangt, also das Monopol des Westens verlorengegangen war, kam eine Zeit, in der ungeachtet dieses Gleichstands der Westen einen Vorteil hatte, weil er mit seinem strategischen Bomberkommando die Atomwaffen über weite Distanzen befördern konnte. Seit schließlich mit der Massenfabrikation sowjetischer Raketen auch dieser Vorsprung verlorenging, ist jetzt mehr oder weniger ein Gleichgewicht des Schreckens erreicht, und damit hat sich auch die Verteidigungskonzeption gewandelt.

Heute heißt es nicht mehr: Jede Aktion wird mit nuklearen Waffen geahndet. Heute ist man vielmehr darauf bedacht, einen konventionalen Angriff nur mit konventionellen Waffen zu beantworten und Atomwaffen nur gegen Atomwaffen einzusetzen. Die logische Folgerung der NATO: „Man muß die konventionellen Streitkräfte verstärken.“