Einen Beitrag zu der immer wieder auflebenden öffentlichen Diskussion über die „zu hohen“ Handelsspannen hat das Institut für Handelsforschung an der Universität Köln geliefert. Es gab erstmalig die Ergebnisse einer Untersuchung der Betriebshandelsspannen, Kosten und Reingewinne des Einzelhandels in den Jahren 1950 bis 1959 bekannt.

Den Angaben des Kölner Instituts zufolge, die leider von der Hauptgemeinschaft des Deutschen Einzelhandels nur in Auszügen der Allgemeinheit zugänglich gemacht wurden, hat die „Handelsspanne“ 1959 im Gesamtdurchschnitt 26 vH der Umsatzzahlen betragen, 1950 dagegen nur 20,7 vH. Der Anteil der Handelsspanne am Endverbraucherpreis ist also in den letzten zehn Jahren ununterbrochen gestiegen.

Nun ist die Handelsspanne nicht identisch mit dem Gewinn. Die Hauptursache der wachsenden Spannen sind die gestiegenen Kosten. So nahmen allein die Personalkosten von 4,5 vH des Umsatzes im Jahre 1950 auf 6,4 vH des wesentlich höheren Umsatzes im vergangenen Jahre zu. Auch andere Betriebsausgaben, wie Mieten, Werbung, Abschreibung, Heizung, Licht und sonstige Kosten haben heute größeres Gewicht. Die Gesamtkosten – ohne Unternehmerlohn und ohne Zinsen für das Eigenkapital – sind infolgedessen auch, von 15,3 des Umsatzwertes in 1950 auf 19,2 vH in 1959 gestiegen.

Ausschlaggebend für die Gesamtbeurteilung ist jedoch, daß die Handelsspanne im vergangenen Jahr 5,3 vH mehr vom Umsatz in Anspruch nahm als 1950, während demgegenüber der Anteil der Kosten am Umsatz sich nur um 3,9 vH erhöhte. Da also die Bruttospanne stärker gestiegen ist als die Kosten, die daraus bestritten werden müssen, hat sich in den letzten zehn Jahren das steuerliche Betriebsergebnis, also der „Reingewinn“ von 5,4 vH auf 6,8 vH des Umsatzes erhöht. Dabei darf nicht übersehen werden, daß gleichzeitig der Umsatz des gesamten Einzelhandels um 135 vH gestiegen ist, und zwar von 32 Mrd. DM in 1950 auf 76 Mrd. DM in 1959. Die steuerlichen Betriebs- oder Reingewinne des Einzelhandels haben also auch in absoluten Zahlen dementsprechend stärker zugenommen. Sie müssen zwar noch versteuert werden, da jedoch die Steuersätze heute wesentlich niedriger liegen als vor zehn Jahren, verbleibt auch aus diesem Grunde mehr für das betriebswirtschaftliche Betriebsergebnis übrig.

Mit dieser Untersuchung, so erklärt die Spitzenorganisation des Einzelhandels, „sind nun die Ertragsverhältnisse im Einzelhandel in einer überaus umfassenden Weise und mit der gebotenen Offenheit klargelegt. Der Einzelhandel kann mit gutem Gewissen jeder wirtschaftspolitischen Auseinandersetzung, insbesondere jeder Preis- undSpannendiskussion entgegensehen“. Kann er das wirklich?

Es ist auffallend, daß die Hauptgemeinschaft in ihrem Bericht „Einzelhandel ohne Geheimnisse“ nur das Ergebnis der Institutsuntersuchung für 1959 veröffentlicht und nicht auch die Zahlen für die vorhergehenden neun Jahre. Der Handel braucht sich daher nicht zu wundern, wenn mancherorts der Verdacht aufkommt, man habe da etwas „verschleiern“ wollen. Ebenso bleibt es unerfindlich, warum man, im Gegensatz zu dem Forschungsinstitut, zum Vergleich die Prozentzahlen des Umsatzes von 1937 heranzog, und das, ohne auch nur mit einem Wort auf die inzwischen erfolgte erhebliche Erhöhung der absoluten Umsatzzahlen hinzuweisen. Fraglich ist auch, ob die Zahlen von 1937 und 1959 auf derselben Basis errechnet wurden und somit überhaupt vergleichbar sind.

Niemand mißgönnt dem Handel, daß er seine Einnahmen nicht nur proportional zum Umsatz, sondern auch gemäß dem allgemeinen Trend nach höheren Einkommen darüber hinaus verbessern konnte. Gewiß hat er durch Rationalisierung und verbesserte Anpassung an die Verbraucherwünsche seinen Teil dazu beigetragen. Auch dürfte die Konzentration des Einkaufs über Ketten, Einkaufsvereinigungen und Genossenschaften seine Position gegenüber den Lieferanten so gefestigt haben, daß er seine Spannen wohl auch teilweise zu Lasten der Industrie ausweiten konnte.