Von Josef Müller-Marein

Wenn ein Geschäftsmann oder ein Konsortium von Einzelhändlern einen Draht oder mehrere Drähte mit elektrisch beleuchteten Kugeln und Sternen über die Großstadtstraße spannen, wenn sie Rauschgoldengel oder Krippen zwischen die Pralinen in die Schaufenster stellen, geschieht das, weil man die Feste ausnutzen muß, wie der Kalender sie liefert? Weihnachten – das Fest der Kindlein und des Einzelhandels?

Oder müssen die Elektrodrähte und die Rauschgoldengel sein, weil in den modernen Menschen ein sentimentales, wenn nicht gar religiöses Gefühl immer noch vorwaltet, ohne das kein Weihnachtsgeschäft zu Buche schlägt?

Diese Frage wird jeder auf seine Weise beantworten. Der eine: "Mystik hebt den Umsatz." Der andere aber: "Die Welt der Mystik ist immer vorhanden, wenn auch unsichtbar. Bricht sie sichtbar auf – und sei dies bloß kalendermäßig –, so muß der Alltag ihr dienen."

Obwohl die einen wie die anderen die Geschenke unterm Tannenbaum niederlegen, scheiden sich am Weihnachtsabend die Geister. Die einen kehren den Pfiffigen heraus und holen nach, was sie das ganze Jahr hindurch versäumt haben: sie schenken doppelt, es macht sich so pompöser. Es sind die Besserwisser, die sich nicht mehr ereifern, nicht für, nicht gegen Gott, Menschen, die nichts mehr glauben, noch nicht einmal – wie die im Osten – an den Atheismus; es sind die Ausgetrockneten, die Opfer der modernen Unfruchtbarkeit, denen der Alltag der Geschäfte und Pflichten über den Kopf gewachsen ist, die Entmystizierten, die Entchristianisierten. Sie feiern Weihnachten, weil es sich so gehört. So einer zündet nicht bloß die Lichter am Weihnachtsbaum an, sondern stellt sogar noch eines ans Fenster zum Gedenken an die Deutschen jenseits der Zonengrenze, und er tut dies, weil es sich so gehört und weil er übrigens auch nichts dagegen hat. Ist doch ’ne nette Sitte, nicht? Die Kerze denkt an die Mitteldeutschen, nicht er.

Die anderen? Ach Gott, sie haben’s schwer. Niemand – selbst der frömmste Christenmensch – ist gefeit gegen die Alltäglichkeit, gegen die Gefahr des Austrocknens. Und dahinein bricht das Weihnachtsfest...

So mancher muß, ehe er Weihnachten feiert, sein Unbehagen überwinden, und es plagt ihn die Furcht, es könnte Romantik sein, was ihn da unterm Tannenbaum anrührt, Erinnerung an ein verlorenes Zuhause, mehr nicht. Und wer hat dies nicht gerade dort erlebt, wo es noch Sitte ist, das Weihnachtsevangelium laut zu lesen, daß plötzlich gleichsam alles wegrutschte und versank, alles, was samt dem Tannenbaum und den geschmackvoll verpackten Geschenken zur Festatmosphäre gehört? Es versank, und übrigblieb ein Bericht, der so beginnt: "Es begab sich aber, daß ein Gebot ausging..."