r. g., Stuttgart

Ich bitte die verehrliche Redaktion, folgendes Inserat zu veröffentlichen:

„Wegen Wegzugs des bisherigen Amtsinhabers wird zu vierjährigem Knaben dringend Weihnachtsmann gesucht. Derselbe sollte kräftige, Respekt erheischende Statur sowie Befähigung für das Höhere Lehramt besitzen, Naturbart Bedingung (Existentialistenbart unerwünscht). Der Bewerber sollte gewöhnt sein, ungezwungen auch einer kritischen Öffentlichkeit standzuhalten, sowie in der Lage sein, lückenlos über seine himmlische Herkunft Auskunft zu geben. Einarbeitung durch den Vater sowie psychologischer Vorkurs durch die Mutter des Knaben möglich. Fremdsprachenkenntnisse (Schwäbisch) erforderlich. Ausrüstung nach der Norm des Bundes Deutscher Schaufenstergestalter wird gestellt.“

Das wär’s; hoffentlich meldet sich noch einer. Denn wir sind in großer Verlegenheit. Unser bisherigen Knecht Ruprecht – die Daten: 1,89 Meter groß, rotblonder Vollbart, Auto vom Baujahr 1948, was einen Pferdeschlitten nahezu ersetzt – ist überraschend weggezogen. Wir können ihm das beste Zeugnis ausstellen; mehrere Familien hat er zur vollen Zufriedenheit der Eltern bedient. Er ist ein Naturtalent, das ihm an der Stätte seines künftigen Wirkens eine glanzvolle Karriere sichern wird. Die Wirkung seines Auftretens hat immer ein halbes Jahr vorgehalten; das andere halbe Jahr überbrückten wir mit Hinweisen auf das nächste Erscheinen des Weihnachtsmannes. Jetzt ist er weg; wir sind ratlos. Womit sollen wir künftig unsere pädagogischen Argumente bestreiten?

Wenn alle Stränge reißen, müssen wir Farbe bekennen und es so halten wie der Bruder-Klaus-Kindergarten in Konstanz: Dort hat man wie anderswo eine Anregung des Salvatorianerpaters Hornauer aus Wien aufgegriffen und konfrontiert die Kinder mit der Wahrheit. Der Nikolaus erscheint im Straßenanzug und klärt seine Zuhörer auf. Er erzählt ihnen von dem Bischof St. Nikolaus und schlägt vor, er wolle die Legende mit den Kindern spielen. Und dann erst legt der Nikolaus seinen Bart an und setzt die Bischofsmütze auf.

Nun, vielleicht versuchen wir’s denn auch auf diese Weise. Es bleibt uns wohl nichts anderes übrig...