Zwölfmal Prestige

Von Ernst Stein

Die Amerikaner haben sich etwas Hübsches ausgedacht – es waren bestimmt die Amerikaner, denn sie verstehen sich am besten auf die Kunst, ihrem Geschmack und ihren Launen zu frönen und die rechtfertigenden Voraussetzungen hinterdrein nachzuliefern, mit einem knalligen Schildchen versehen, das nach Tiefenpsychologie oder Soziologie klingt. Seit neuestem wird nämlich der Ware die Masche „Statussymbol“ umgebunden. Ein Statussymbol, das ist das zweite Auto, der Fernsehgalgen auf dem Eigenheimdach, eine halbgerauchte Zigarre, eine Finnlandreise, und auf deutsch heißt es: „Wir haben’s ja!“

Es ist nun ein wahrer Jammer, daß sich gerade die Kulturware nicht als Statussymbol eignet: das Buch. Denn wer merkt einem auf der Straße an, daß man zu Hause sechsundzwanzig Bände über Kunst, von den Etruskern über Arcimboldi zu Jackson Pollock, stehen hat,von denen der billigste achtundvierzig Mark kostet? Woher sollen die Nachbarn wissen, daß man eine Erstausgabe von Grimmelshausen besitzt? Woher sollen sie wissen, wer Grimmelshausen ist? Und die Leute, auf die man Eindruck machen möchte – gerade sie würde man nicht im Leben einladen.

Die einzige Möglichkeit, dem Buch zum Statussymbol zu verhelfen, wäre wohl, die Schutzumschläge sündteurer Bücher – soeben erscheint ein gesammelter Tucholsky, die Dichtungen von Yvan Goll sind schon heraus – auf die Windschutzscheibe und das Heckfenster zu kleben, so wie man „Großglockner“ draufpappt oder die Plakette des Automobilfahrerverbandes Monaco. Wenn man allerdings kein Auto hat – aber Leute ohne Auto haben in unserer Kultur nicht mitzureden, auch wenn sie zu Hause einen Grimmelshausen von 1669 stehen haben.

Es war geradezu das Wahrzeichen einer verflossenen Kulturzeit, der wir keine dicke Träne nachweinen wollen (aber bekümmert durch die Nase aufschnupfen wird man doch noch dürfen?), daß es „die Nachbarn wußten“. Es verstand sich von selbst, daß daheim – genau wie nebenan – im Schrank die Sämtlichen Werke und die Gesammelten Werke standen, von Wieland bis Ibsen (Volksausgabe! Das galt damals noch nicht als Mangel an Status), von den „goldenen“ Klassikern, dem Schrecken jedes Gymnasiasten und der vorzüglichen Grundlage der Bildung, bis zu den eleganten und darum nicht immer gut lesbaren Lederbänden der Großherzog-Wilhelm-Erst-Ausgaben. Und weiß leuchtete, daheim wie nebenan, die vornehme Edition von Thomas Mann, die nicht zu Ende gedieh, weil die Zeit braun wurde.

Ihr folgte die Stockholmer „Gesamtausgabe“ Manns, verlegt in Schweden, Holland, Österreich, bis sie wieder in einem anderen Deutschand, in zweien, verlegt werden konnte; gedruckt in vieler Herren Ländern, aber im Wechsel des Schicksals, im Sturz der Zeit jenen (historisch-kritisch nicht immer brauchbaren) Schein der unwandelbaren Geschlossenheit wahrend, die dem Werk selbst eigen ist.

An ihre Stelle tritt, bis die Zeit für eine fünfzigbändige kritische Ausgabe reif ist (sie möge sich beeilen, die Zeit) –

Zwölfmal Prestige

Thomas Mann: „Gesammelte Werke it zwölf Bänden“; S. Fischer Verlag, Frankfurt; Leinen 360,–, Oasenziegenleder 640,– DM

deren essayistischen Teil Thomas Manns Bibliograph Hans Bürgin, umsichtig und auf den Leser bedacht, herausgegeben hat. Hier, wie meist bei den Neuausgaben unserer Jahre, fehlt der kritische Apparat; aber er wird mehr dem Literarhistoriker fehlen als dem Publikum, den man allerdings mit Anmerkungen hätte an die Hand gehen können. Wie lange wird zum Beispiel die Unterschrift jenes unsäglichen Dekans der Universität Bonn „unleserlich“ bleiben? Sie steht unter dem Schriftstück, mit dem das damalige Deutschland Thomas Mann den Ehrendoktor und sich die Ehre entzogen hat. Und es wäre zur Lüftung des literarischen Raumes dienlich gewesen, die auf den Augenblick bezogenen, aber darum nicht weniger dauerhaften Texte mit Fußnoten zu versehen, damit man wisse, daß die kleinen Fische, auf die sie sich beziehen, nicht nur vom Kopfe stinken.

Nur kritischer Hochmut kann einer Werkausgabe ihre Berechtigung absprechen, weil sie nicht vollständig ist, und dabei durchblicken lassen, daß eine vollständige Ausgabe unserer Zeit nicht gemäß sei. Aber das gehört wohl nun einmal zu dem zappeligen Unbehagen, in das unsere Kritik angesichts der Unerschütterlichkeit dieses Werkes, des gesamten wie des einzelnen, gerät – sei es, weil sie Thomas Mann ins neunzehnte Jahrhundert verweisen möchte, um dem unseren Döblin oder Musil oder – man denke! – Jahnn als das allein Gemäße zu empfehlen, sei es, weil ihr zu Thomas Mann nichts Neues mehr einfällt.

Denn die Veröffentlichungen über Thomas Mann gehen in die Tausende, es ist unübersehbar viel gedeutet und geweihräuchert, gezischelt und gespuckt worden. Das Beste über ihn hat er selbst geschrieben. Und deshalb sei hier, wo nicht vom Autor, sondern von der Ausgabe die Rede ist, der Zeit nur zweierlei gesagt – außer, daß sie sie lesen soll – zweierlei, das ihr helfen wird:

Sie möge endlich davon abstehen, von der „Ironie“ Thomas Manns zu reden, so oft er selbst sie auch im Munde geführt hat, weil seinem künstlerischen und menschlichen Feingefühl das schlichtere Wort zu groß und zu leer vorkam, das Wort für jene selig-fragwürdige Gabe, die der deutschen Kultur, mit dieser selbst, abhanden gekommen ist: Humor. Unsere Zeit wird, wenn’s ihr in den Füßen kalt wird – der große Zeh ist schon halb erfroren – darauf kommen, daß sie an Thomas Mann einen großen Humoristen hat, wenn sie ihn schon nicht zum Lehrmeister nehmen will.

Und noch eins: Unsere Zeit trägt begreifliche Scheu, einen Autor als repräsentativ zu empfinden. Denn, wäre er groß genug, ihr Gesicht in seinem Werk zu spiegeln, was könnte die Gegenwart anderes in diesem Spiegel finden als eine unsichere Grimasse? Nicht weniger unangebracht ist es, wenn der einzelne den repräsentativen Autor überfordert und in seinem Werk das Wort vermißt, das ihm in der politischen Haft, in der Diaspora, in den unzählbaren Heimsuchungen einer Handvoll Jahre aus der Seele sprach. Vielleicht hat er es nur nicht gesucht und glaubt hinterher, er habe es nicht gefunden.

Die Literatur hat sich immer gern mit der Politik eingelassen, das ist ihr gutes Recht oder, sagen wir, ihr Recht. Besser ist sie dadurch nicht geworden, nur augenblicksbedingter. Thomas Mann sah sich gedrängt, viel Politisches zu schreiben, das Richtige fast immer in die falsche Richtung zu sagen, so haben es seine Widersacher leicht; aber es bleibt zurück als Kunstwerk. Die neue Ausgabe, sei es in Leinen, sei es in Oasenziegenleder, wird, man wünscht und bangt es, vielen als Statussymbol dienen. Sie ist mehr; sie ist, auch in den Augen des Auslands, nicht nur ein Symbol, sondern ein Beweis für den Status der deutschen Kultur.