Thomas Mann: „Gesammelte Werke it zwölf Bänden“; S. Fischer Verlag, Frankfurt; Leinen 360,–, Oasenziegenleder 640,– DM

deren essayistischen Teil Thomas Manns Bibliograph Hans Bürgin, umsichtig und auf den Leser bedacht, herausgegeben hat. Hier, wie meist bei den Neuausgaben unserer Jahre, fehlt der kritische Apparat; aber er wird mehr dem Literarhistoriker fehlen als dem Publikum, den man allerdings mit Anmerkungen hätte an die Hand gehen können. Wie lange wird zum Beispiel die Unterschrift jenes unsäglichen Dekans der Universität Bonn „unleserlich“ bleiben? Sie steht unter dem Schriftstück, mit dem das damalige Deutschland Thomas Mann den Ehrendoktor und sich die Ehre entzogen hat. Und es wäre zur Lüftung des literarischen Raumes dienlich gewesen, die auf den Augenblick bezogenen, aber darum nicht weniger dauerhaften Texte mit Fußnoten zu versehen, damit man wisse, daß die kleinen Fische, auf die sie sich beziehen, nicht nur vom Kopfe stinken.

Nur kritischer Hochmut kann einer Werkausgabe ihre Berechtigung absprechen, weil sie nicht vollständig ist, und dabei durchblicken lassen, daß eine vollständige Ausgabe unserer Zeit nicht gemäß sei. Aber das gehört wohl nun einmal zu dem zappeligen Unbehagen, in das unsere Kritik angesichts der Unerschütterlichkeit dieses Werkes, des gesamten wie des einzelnen, gerät – sei es, weil sie Thomas Mann ins neunzehnte Jahrhundert verweisen möchte, um dem unseren Döblin oder Musil oder – man denke! – Jahnn als das allein Gemäße zu empfehlen, sei es, weil ihr zu Thomas Mann nichts Neues mehr einfällt.

Denn die Veröffentlichungen über Thomas Mann gehen in die Tausende, es ist unübersehbar viel gedeutet und geweihräuchert, gezischelt und gespuckt worden. Das Beste über ihn hat er selbst geschrieben. Und deshalb sei hier, wo nicht vom Autor, sondern von der Ausgabe die Rede ist, der Zeit nur zweierlei gesagt – außer, daß sie sie lesen soll – zweierlei, das ihr helfen wird:

Sie möge endlich davon abstehen, von der „Ironie“ Thomas Manns zu reden, so oft er selbst sie auch im Munde geführt hat, weil seinem künstlerischen und menschlichen Feingefühl das schlichtere Wort zu groß und zu leer vorkam, das Wort für jene selig-fragwürdige Gabe, die der deutschen Kultur, mit dieser selbst, abhanden gekommen ist: Humor. Unsere Zeit wird, wenn’s ihr in den Füßen kalt wird – der große Zeh ist schon halb erfroren – darauf kommen, daß sie an Thomas Mann einen großen Humoristen hat, wenn sie ihn schon nicht zum Lehrmeister nehmen will.

Und noch eins: Unsere Zeit trägt begreifliche Scheu, einen Autor als repräsentativ zu empfinden. Denn, wäre er groß genug, ihr Gesicht in seinem Werk zu spiegeln, was könnte die Gegenwart anderes in diesem Spiegel finden als eine unsichere Grimasse? Nicht weniger unangebracht ist es, wenn der einzelne den repräsentativen Autor überfordert und in seinem Werk das Wort vermißt, das ihm in der politischen Haft, in der Diaspora, in den unzählbaren Heimsuchungen einer Handvoll Jahre aus der Seele sprach. Vielleicht hat er es nur nicht gesucht und glaubt hinterher, er habe es nicht gefunden.

Die Literatur hat sich immer gern mit der Politik eingelassen, das ist ihr gutes Recht oder, sagen wir, ihr Recht. Besser ist sie dadurch nicht geworden, nur augenblicksbedingter. Thomas Mann sah sich gedrängt, viel Politisches zu schreiben, das Richtige fast immer in die falsche Richtung zu sagen, so haben es seine Widersacher leicht; aber es bleibt zurück als Kunstwerk. Die neue Ausgabe, sei es in Leinen, sei es in Oasenziegenleder, wird, man wünscht und bangt es, vielen als Statussymbol dienen. Sie ist mehr; sie ist, auch in den Augen des Auslands, nicht nur ein Symbol, sondern ein Beweis für den Status der deutschen Kultur.