Von Alfred Silbert

Man spricht so gern vom Geist der Geschichte und knüpft Prognosen daran, die sich dann oft genug als falsch erweisen. Aber wer kennt wirklich die geschichtlichen Tatsachen lange vergangener Zeiten? Wer fällt nicht überlieferten Vorstellungen zum Opfer, weit verbreiteten Vorurteilen, obwohl man doch weiß, daß weite Felder der historischen Entwicklung unserer Erde noch unbekannt sind? Dies trifft für Deutschland, aber auch für andere Länder zu ... Wer weiß beispielsweise etwas von der Geschichte des großen afrikanischen Abenteuers der Vandalen?

Vandalen? Der Name dieses alten germanischen Stammes ist nach und nach ein Wort geworden, das böse klingt, beinahe ein Schimpfwort. Ein „Vandale“ sei ein Zerstörer, so sagt man allgemein. Indes ...

In jenem Gebiet von Nordafrika, von dem man heute so oft spricht, hatte sich die Macht des Römischen Weltreichs zu Beginn des fünften Jahrhunderts aufgelöst; hier, wo Rom seit den Punischen Kriegen und nach den Niederlagen Hanibals und des großen numidischen Königs Jugurtha sein großes Imperium im Laufe der Jahrhunderte aufgebaut hatte. Jetzt kamen die Zeitten des Niedergangs. Zuerst geriet das Afrika Proconsularis (das heutige Tunis) in Bewegung, dann Numidia (Ost-Algerien), dann Mauretania Caesariensis (das Zentrum und der Westen Algeriens), dann Mauretania Tingitana (das heutige Marokko.)

Schließlich war das Maß voll. Von Roms alter Herrlichkeit war in Afrika nur noch ein Schatten zu spüren. Die Stunde der Vandalen kam, und es begann jene germanische Herrschaftsperiode über Nordafrika, die in unseren Tagen völlig vergessen ist. Denn das vandalische Reich war keineswegs das, was man sich allzu leichtsinnig vorgestellt hat: Es handelte sich keineswegs um eine einfache Expedition oder eine befristete Art von „Razzia“. Das Vandalen-Reich in Nordafrika dauerte ein volles Jahrhundert, und das will einiges besagen. Aber wie hatte sich das alles vollzogen?

Kurz nach dem Jahre 400 lebten die Vandalen höchst friedlich, wie es scheint, in Südspanien, wo das berühmte Andalusien noch heute den Namen des alten germanischen Volksstammes trägt. Freilich, die Vandalen waren in Andalusien, in den Gebieten von Sevilla, Cordoba und Granada, nur Einwanderer. Sie stammten aus dem Land zwischen Oder und Weichsel und waren durch andere Volksstämme verdrängt worden, die sich aus dem Osten ergossen hatten – nichts Neues unter der Sonne, nicht wahr? Sie waren zur Donau gezogen und hatten unter dem Druck der Hunnen gemeinsam mit Goten und Wisigoten Gallien durchquert – das erst einige Jahrhunderte später Frankreich hieß – und sich schließlich in jenem Andalusien niedergelassen, wo wir sie nun entdeckt haben.

Hielt ihr Schicksal sie an diesem Ort? Nein! Sie waren nun ganz nahe jenem Nordafrika, dessen Küsten sie leicht sehen konnten. Dort drüben aber verschlimmerte sich die Situation mehr und mehr. Der Mann, der im Auftrage Roms die afrikanischen Gebiete verwaltete, hieß Bonifacius und stammte, wie viele Soldaten im Dienste der Römer von der unteren Donau. Er hatte das Pech, mit dem Kaiser Valentinian III. in Streit zu geraten. Aufgefordert, nach Rom zu kommen, sagte er: Nein. Gegen diesen Rebellen schickte Valentinian gotische Truppen, die Karthago und Hippo einnahmen. Wir sind im Jahre 427.