Von Wolfgang Koeppen

Fonwostinktsnso“, was in normaler, hier verdrängter und verachteter Sprache „von was stinkt es denn so“ heißen soll, ist der Anfang des originellsten und – wenn es auch ganz und gar nicht in die Richtung der mit dem unmenschlichen Sein, der bitterbösen Dingwelt sich befassenden neuen Welle der französischen Literatur paßt – amüsantesten und charmantesten Anti-Romans, wie, glaube ich, Sartre die Gattung genannt hat –

Raymond Queneau: „Zazie in der Metro“, deutsch von Eugen Helmlé; Suhrkamp Verlag, Frankfurt; 229 S., 15,40 DM.

Der Pariser Literaturexeget Roland Barthes meint, daß hier ein seriöser Mann das Seriöse verhöhnt habe – auf seriöse, Seriöses schaffende Weise, in die Welt gesetzt mit der Schlinge der Infragestellung, eine Katze, die sich in den Schwanz beißt, ein unentrinnbarer Kreis, der eine überall hin offene Fläche ist. Der Verfasser, der Dichter Raymond Queneau, ist mit allen Wassern französicher Sprachweisheit gewaschen. Er studierte an der Sorbonne Philosophie und klassische Philologie. Er ergründete Homer und Aristoteles und bewunderte André Breton und die Surrealisten. Er lebte als kleiner Stadtreisender und schlecht bezahlter Übersetzer amerikanischer Romane. Er schrieb Bücher, die nur die Freunde lasen, er besuchte Griechenland, seine zweite Heimat nach dem Quartier Latin, und ist heute Herausgeber einer höchst angesehenen, neuen französischen Enzyklopädie. Bemerkenswert und von Einfluß auf junge Literaten sind seine 1945 veröffentlichten „Exercices de style“. In ihnen läßt er die immer gleiche Belanglosigkeit sich aus dem verschiedenen Geplapper der Sprache zu den sonderbarsten und manchmal ungeheuerlichsten Eigentümlichkeiten entwickeln. Gerda Zeltner-Neukomm erklärt in ihrem klugen Essay über „Das Wagnis des französischen Gegenwartsromans“ (Rowohlts Deutsche Enzyklopädie): „Diese Stilübungen spielen in gelassen selbstverständlicher Weise auf der Voraussetzung, daß die Vernichtung aller Werte und Stufen schon total stattgefunden habe.“

Doch nicht nur dies. Die Stilübungen Queneaus tragen zur Auflösung der Werte bei und sprengen den konventionellen französischen Roman ins Nichts, der sich mit seiner großen Überlieferung auf einer gewissen Bildungsstufe von selbst erzählt. Mit Recht weist Zeltner-Neukomm darauf hin, daß „Bonjour Tristesse“ der Françoise Sagan eine Frucht der gerade durchlaufenen Schule war: mit achtzehn Jahren hat man die Regeln noch im Kopf. Aber nun, bei Queneau, schreibt sich auch der Anti-Roman gleichermaßen von selbst. Bei Robbe-Grillet, der Sarraute und Butor hat man oft den Eindruck, eine Fleißaufgabe zu empfangen, einen Rückschritt zum alles notierenden Zola zu beobachten. Queneau bedient sich der Anti-Sprache und läßt sie laufen.

Was ist die Anti-Sprache? Nun, das Gegenteil der toten schönen Sprache von Ronsard bis Valéry. Zwei getrennte Flüsse, aber entspringen sie nicht einer Quelle und rinnen in dasselbe Meer? Queneau benutzt den Argot und alle Wörter, die man nicht sagt. Das taten auch schon Carco und Céline. Sie jedoch, weil sie eine Ordnung schockieren wollten, die sie anerkannten, gerade weil sie unter ihr litten. Queneau sieht die Sprach-Ordnung zerstört. Er denkt gar nicht daran, mit einem Gossenwort erröten machen zu wollen. Die Schamlosigkeit des Wortes gibt es nicht mehr, wie es auch seine Moral nicht mehr gibt. Die Sprache ist inhaltlos geworden. Man gebraucht sie kaum noch, um sich mitzuteilen. Die Konversation ist gestorben, vielleicht das Ich und das Du. Nicht der Erzähler, nicht seine Personen reden. Es redet. Man weiß nicht genau, was das ist.

Zazie ist aus der Sprache entstanden. Die Sprache wuchert, die Sprache träumt, sie träumt von Zazie und ihren Begegnungen. Vielleicht träumt auch Paris. Zazie träumt nicht. Sie ist ganz Schnauze, würde man in Berlin sagen.