1960 – 1961: Nach einem Jahr weltpolitischer Gärung ein Jahr der Entscheidung?

Von Paul Sethe

Wenn das Rad der Weltpolitik zu einer neuen Drehung ansetzt, wird sie von untrüglichen Kennzeichen angekündigt. In den 366 Tagen, die jetzt hinter uns liegen, geschah noch nichts Unwiderrufliches, aber jeder spürte, daß es herannaht. Die Völker verabschieden das alte Jahr in dem Gefühl, daß 1961 ein Jahr der Entscheidung sein wird.

Für uns Deutschen haben sich 1960 die dunklen Wolken am politischen Himmel noch vermehrt. Der Januar begann mit bedrückenden Nachrichten. An vielen Orten der Bundesrepublik sahen die bestürzten Bürger morgens das Zeichen, das in zwölf Jahren zum Symbol der Tyrannei, ja, des Mordens geworden war. Schon im alten Jahr hatte man Hakenkreuze an der Kölner Synagoge gesehen, aber erst im neuen Jahr breitete sich die Schmiererei über das ganze Land aus. Polizei und Gerichte griffen streng durch. Überall, wo die Täter gefaßt werden konnten und vor Gericht erschienen, stellte sich heraus, daß unreife, unwissende, geltungssüchtige Burschen am Werk gewesen waren. Gleichwohl blieb es bedenklich, daß der erlöschende Nationalsozialismus nach fünfzehn Jahren noch soviel Verwirrung in den „Gehirnen zu stiften vermochte. Um so erleichterter atmeten die Staatsbürger auf, als im Frühjahr die Welle schwächer wurde und schließlich verebbte.

Aber ein Erschrecken blieb in den Staatsbürgern zurück, Erschrecken nicht nur über die Herzensträgheit und geistige Armut bei einer Schar von jugendlichen Landsleuten – Erschrecken auch über die Feindseligkeit, die im Ausland aufgebrochen war. Die Erinnerung an die zwölf Hitler-Jahre wurde jenseits unserer Grenzen in vielen Zeitungsartikeln und einigen Reden heraufbeschworen. Offensichtlich sollte der Anschein erweckt werden, als seien die Deutschen von 1960 mit vollem Bewußtsein die geistigen Nachfahren von Goebbels und Streicher. Mancher Deutsche, der in den Beteuerungen westlicher Freundschaft eine Herzenssache gesehen und sie mit dem Herzen erwidert hatte, war durch die unverhohlene Abneigung böse überrascht.

Mißtrauen gegen Bonn

Schon bald darauf mußte man eine neue ähnliche Erfahrung machen. Am 24. Februar teilte die New York Times der aufhorchenden Welt mit, daß Bundesverteidigungsminister Strauß mit der Regierung Franco verhandele, um für die Bundeswehr Nachschubbasen in Spanien zu erhalten. Später wurde bekannt, daß die amerikanische Zeitung durch die Bonner Botschaft einer mit den Deutschen verbündeten Macht informiert worden war. Acht Tage lang ergoß sich eine Flut von Vorwürfen über Strauß. Das Ausland, aber auch viele Kreise im Inland warfen ihm mangelnden Takt, ja, Schlimmeres vor. Die Erinnerungen an die deutsche Legion Condor, die in den dreißiger Jahren in den spanischen Bürgerkrieg eingegriffen hatte, wurden wachgerufen. Strauß wurde faschistischer Neigungen beschuldigt; man warf ihm auch vor, er beabsichtige, einen Teil seiner Streitkräfte nach Spanien zu legen und sie der Überwachung durch die Bundesgenossen zu entziehen. Der bayerische Oberleutnant der Reserve erschien als geistiger Enkel Seeckts und der anderen „Junker“, als die Verkörperung finsteren Militarismus. Wieder zeigte sich, wie tief immer noch Mißtrauen, Abneigung, Besorgnis gegenüber Deutschland im westlichen Ausland wurzeln.